„Fräulein Rabbiner“

Die erste Rabbinerin weltweit, Regina Jonas, wurde vor 75 Jahren im KZ ermordet. Sie wurde 42 Jahre alt. Foto: wikicommons

 

„Fähigkeiten und Berufungen hat Gott in unsere Brust gesenkt, und nach dem Geschlecht gefragt. So hat ein jeder die Pflicht, ob Mann oder Frau, nach den Gaben, die Gott ihm schenkte, zu wirken und zu schaffen.“ So steht es in Berlin an dem Haus, in dem einst Regina Jonas lebte. Sie war die erste Rabbinerin der Welt. Vor 75 Jahren wurde sie im KZ ermordet und blieb bis in die 1990er-Jahre hinein vergessen.

Berlin (-berg/KNA).
Jonas wurde 1902 in Berlin geboren. Sie wuchs auf im jüdischen Scheunenviertel, einem Quartier, das damals von bescheidenem Leben bis hin zu Armut geprägt war. Nach ihrem Abitur belegte Jonas ein Lehrerseminar, um jüdische Religion an Mädchenschulen unterrichten zu dürfen. 1924 schrieb sie sich an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ein – mit dem Ziel, Rabbinerin zu werden. „Ich kam zu meinem Beruf aus dem religiösen Gefühl, dass Gott keinen Menschen unterdrückt, dass also der Mann nicht die Frau beherrscht“, schrieb sie einmal.

Die von Abraham Geiger gegründete Hochschule war die erste akademische Einrichtung des liberalen Judentums weltweit. Sie bestand bis 1942, als die Nationalsozialisten sie schlossen. Dort war Jonas zwar nicht die einzige Studentin, aber die einzige Frau, die als Rabbinerin ordiniert werden wollte, wie Rabbinerin Elisa Klapheck, die an der Paderborner Universität jüdische Theologie lehrt, auf dem Portal Jewish Women’s Archive schreibt. Alle anderen Studentinnen hätten einen akademischen Grad als Lehrerinnen angestrebt.

Nach den Worten Klaphecks wollte Jonas ein weibliches Rabbinat als eine Kontinuität von Tradition verstanden wissen. Jonas sei mit ihren Positionen unabhängig sowohl von der Orthodoxie als auch von dem Reformjudentum gewesen: Die Orthodoxie habe Gleichberechtigung für unvereinbar mit der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, gehalten. Die Reformer wiede­rum hätten sich selbst als einzige Befürworter weiblicher emanzipatorischer Interessen gesehen.

Jonas ist in einer theologischen Arbeit zu dem Schluss gekommen, dass fast nichts Halachisches, sondern „Vorurteil und Ungewohntsein“ gegen weibliche Rabbiner stehen. Elf Jahre nach ihrer Immatrikulation an der Hochschule und der zähen Überwindung von Widerständen war es endlich soweit: Rabbiner Max Dienemann vom Liberalen Rabbinerverband willigte 1935 in die Ordination von Jonas ein. Sie arbeitete fortan in Berlin in der Pastoral und kümmerte sich um Kranke. Und: Als im Verlauf der 1930er-Jahre die Nationalsozialisten immer mehr Rabbiner inhaftierten oder zur Immigration zwangen, predigte Jonas zunehmend in liberaleren Synagogen der Stadt – und darüber hinaus.
1942 wurde Jonas mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert. Auch dort, mitten in Not und Leid, wirkte sie rab­binisch. Am 12. Oktober 1944 dann mussten beide Frauen nach Auschwitz – und wurden wohl kurz nach ihrer Ankunft dort ermordet.

Erstaunlicherweise war Jonas lange Jahre vergessen. Es war die Theologin Katharina von Kellenbach, die sie ab den 1990er-Jahren mithilfe von Dokumenten von Jonas wieder bekannt machte, wie es einmal in der „Jüdischen Allgemeinen“ hieß. Mittlerweile gibt es einen Film über Regina Jonas und zahlreiche Publikationen. Und inzwischen gibt es rund 1 000 Rabbinerinnen weltweit.

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