Fernsehen gucken mit ihm

von Claudia Auffenberg

Neulich war mal der Herr Jesus ein paar Tage zu Gast. Tagsüber hatte er viel zu tun. Gespräche mit Menschen, für die keiner Zeit hat und mit Menschen, die keine Zeit haben. Abends haben wir dann ein bisschen ferngesehen.

Erstmal was Brisantes im Vorabendprogramm: Autounfälle, Hausbrände, Familientragödien. Dann Verbrecherjagd im Großstadtrevier bzw. in Wismar oder in Wien oder in Köln. Dann Nachrichten, ach je…. Dann – je nach Wochentag - Freitagskrimi, Samstagskrimi, Tatort, Montagskrimi, Pathologen, Kommissare und Opfer: Männer, die im Businessanzug erschossen werden, Frauen, die erst noch bedrängt oder gequält und danach leicht bekleidet im Keller oder in einer leerstehenden Lagerhalle an ein Rohr gekettet oder im Wald erwürgt oder erstochen werden. Todesangst in Großaufnahme. Schreie, Blut, innere Organe. Dann noch mal Nachrichten, ach je… Dann nach Australien, wo Menschen Kakerlaken essen, während sie mit Jauche übergossen werden. Dann ein Thriller: „Diese Sendung ist für Personen unter 16 Jahren nicht geeignet“. Zwischendurch Werbung: „Ab in den Urlaub“…

Nach ein paar Tagen ist Jesus irritiert: „Weißt du, was mir aufgefallen ist?“, fragt er.

„Nein, was?“

„Man sieht gar keine Raucher mehr. Weder in echt noch im Fernsehen.“

„Ach, Jesus“, antworte ich, „bist du so fremd, dass du als Einziger nicht weißt, was in den vergangenen Jahren geschehen ist?

„Was denn?“ fragt er.

„Das Rauchen ist gesellschaftlich geächtet, das haben wir uns alle komplett abgewöhnt.“

„Und das hat funktioniert? So schnell, so umfassend?“, fragt er erstaunt.

„Ja, toll, oder?“

„Und warum?“

„Weil das total ungesund ist!“

„Ach so...“

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