„Es muss eine breite Umkehr geben“

Kardinal Reinhard Marx zum Abschluss der Amazonas-Synode

Rom (KNA). Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat an der Amazonas-Synode im Vatikan teilgenommen. Im Bilanz-Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußert er sich zum Vorrang der Armen, zu einer Allianz für das Klima, Frauen in der Kirche und zur Bedeutung des Bischofstreffens für Deutschland.

Kardinal Reinhard Marx im Gespräch beim Abschluss der Amazonas-­Synode.Foto: KNA

 

 

von Burkhard Jürgens und Ludwig Ring-Eifel

 

Herr Kardinal, was war für Sie die wichtigste Erkenntnis dieser Amazonas-Synode?

Wichtig war für mich die radikale Orientierung an den Lebenswelten der Menschen. Das ist eigentlich eine pastorale Selbstverständlichkeit, aber vielleicht müssen wir sie uns neu in Erinnerung rufen. Ausgangspunkt ist nicht, was wir den Menschen bringen wollen, sondern, wie Jesus sagt: „Was willst du, was ich für dich tue?“ Ausgangspunkt ist das Leben der Menschen, ihre Fragen und Nöte, Hoffnungen und Ängste. Am Amazonas heißt das: Ausgangspunkt sind der Schrei der Erde und der Schrei der Armen und Unterdrückten. Das Erste ist immer die Zukunft der Menschheit. Und das wird beim Amazonas und bei der globalen Herausforderung des Klimawandels sehr deutlich. Also: Uns geht es nicht zuerst um die Kirche, sondern um die Menschen und ihre Hoffnungen. Das finde ich einen wichtigen Ertrag.

Was kann denn die Kirche über Appelle hinaus tun, um zur Rettung des Planeten beizutragen?

Es geschieht ja schon einiges, wenn ich an unsere Hilfswerke denke. Und wir haben in den letzten Monaten gesehen, Politik kommt in Bewegung, durch das, was öffentlich gesagt wird. Professor Hans Joachim Schellnhuber hat das bei der Synode auf den Punkt gebracht. Er sprach von einer neuen Allianz aus religiösen Führern, Wissenschaftlern und der Jugend. Diese drei Gruppen sind keine politischen Akteure, aber sie wirken auf die Politik. Denken Sie an „Laudato si“, und was der Papst damit bis heute in Bewegung gesetzt hat. Wir wollen keine Politik machen, aber wir stehen an der Seite derer, die sich Sorgen machen um die Zukunft der Welt. Die Linie von „Laudato si“ ist hier absolut bestärkt worden.

Aber reicht das angesichts der globalen ökologischen Krise?

Nein, es muss eine breite Umkehr geben, nicht nur persönlich. Es geht um eine Veränderung unseres Wirtschaftssystems und um eine neue globale Solidarität. Insbesondere die reichen Länder sind gefordert, die in den letzten zwei Jahrhunderten die Ressourcen ge- und verbraucht haben. Für eine solche Umkehr ist die Stimme der Kirche wichtig, auch um zu sagen, es ist jetzt Zeit, wir können nicht noch 50 Jahre warten. Später ist zu spät! Die Dringlichkeit ist deutlich, besonders im Blick auf das Amazonasgebiet, das wesentlich ist für das Klima der Welt. Diese Synode hat gezeigt: Das Klimathema ist nicht nur etwas für sozial engagierte Gruppen, es ist in der Mitte der Kirche angekommen, bei den Kardinälen und Bischöfen weltweit.

Der Papst spricht immer wieder von einer „synodalen Kirche“, den Begriff hat er neu geprägt. Damit meint er mehr als die kirchenrechtlich definierte Institution der Bischofssynode, sondern generell die Kirche, die gemeinsam unterwegs ist. Auch deshalb haben wir uns in Deutschland nicht für eine Synode entschieden, sondern für einen weiter gefassten "Bei dieser Synode wurde ein Stimmrecht für Frauen gefordert. Wie sehen Sie das?

Aber auch künftige Synoden kann ich mir nicht vorstellen ohne eine stärkere Einbeziehung der Laien. Das gilt auch auf weltkirchlicher Ebene. Können wir uns wirklich vorstellen, dass in 100 Jahren eine Bischofssynode tagt, und keine Frau darf mit abstimmen? Ich nicht! Bei der Amazonas-­Synode wurde übrigens auch ganz deutlich gesagt, dass eine Beteiligung der Frauen an der Regierung der Kirche notwendig ist. Das wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen.

Ein wichtiges Thema bei der Synode war die mögliche Priesterweihe verheirateter Männer, um den Priestermangel zu beheben. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Das Thema der „viri probati“ und auch der Frauendiakonat wurden häufiger und deutlicher angesprochen, als ich das erwartet hatte. Das zeigt, dass die Themen, die wir in Deutsch­land diskutieren, auch weltkirchliche Themen sind. Die Synode hat gezeigt, dass eine konkrete seelsorgerische Situation neue Herausforderungen mit sich bringt und neue Antworten verlangt. Das gilt vor allem mit Blick auf die Eucharistie, ohne die eine katholische Gemeinde nicht leben kann. Auch hier geht es um die Frage: Was brauchen die Menschen vor Ort, um geistlich leben zu können?

 

Das ganze Interview mit Kardinal Marx sowie weitere Berichte zur Synode und Auszüge aus dem Abschlussdokument finden Sie in der Print-Ausgabe des Dom Nr. 44 / 2019

 

 

 

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