Ein Treffpunkt für Ausgestoßene

20 Jahre ökumenische Wohnungslosen-Initiative „Gast-Haus statt Bank“

Das Auge isst mit: Liebevoll richten ehrenamtliche Helferinnen und Helfer der ökumenischen Wohnungslosen-Initiative „Gast-Haus statt Bank“ das Frühstück an. Foto: Gast-Haus

 

Dortmund. Wenn Katrin Lauterborn im Frühstücksraum der ökumenischen Wohnungslosen-Initiative „Gast-Haus statt Bank“ unterwegs ist, bleibt sie nicht lange unentdeckt. Ein bärtiger Mann spricht sie an. Er will wissen, ob er morgen Geld bekommt. „Hast du das Gespräch nicht geführt?“, fragt Lauterborn zurück. Man merkt: Die beiden kennen sich bereits länger, haben öfter miteinander diskutiert.

von Wolfgang Maas

„Er ist ein lieber Kerl“, sagt die Vereinsassistentin des „Gast-Haus“. Doch er ist auch schwer alkoholabhängig, bekommt sein Leben nicht in den Griff – wie so viele Gäste hier. Die Wohnungslosen-Initiative versucht, ihm Hilfe in Form eines Betreuers zu vermitteln – ein Lichtblick für den Mann, wenn er sie denn annimmt.

Seit 20 Jahren engagiert sich die ökumenische Wohnungslosen-Initiative „Gast-Haus statt Bank“ in Dortmund. Im Januar gab es bereits eine Festwoche mit Gottesdiensten, einem Konzert der Philharmoniker und einer Dichterlesung an der Rheinischen Straße 22, direkt gegenüber dem Dortmunder U.

Im Sommer beteiligt sich der Verein traditionell am Fest im benachbarten Westpark. Dort gibt es einen eigenen Stand. „Jeder, der zu uns kommt, bekommt etwas von uns“, betont Katrin Lauterborn. Ihr Vater Werner Lauterborn, Vorsitzender des Vereins, umschreibt es so: Man habe „eine Parallelgesellschaft gegründet, in der wir ohne Geld alles bekommen können“. Den Begriff „Parallelgesellschaft“ versteht er dabei ausdrücklich positiv.

Neben der Ausgabe eines Frühstücks bietet „Gast-Haus statt Bank“ auch eine Kleiderkammer, medizinische Betreuung durch sieben ehrenamtlich engagierte Ärzte sowie die Möglichkeit, in Ruhe ein Gespräch mit einem Seelsorger zu führen. Auch eine Psychologin und Psychotherapeutin engagiert sich. „80 Prozent unserer Gäste haben eine psychische Erkrankung“, gibt Werner Lauterborn zu bedenken.

Eine Frisörin, eine Fußpflegerin sowie zwei Rechtsanwälte bieten ferner ihre Dienste und ihr Wissen kostenlos an. Zudem gibt es regelmäßig Kulturabende etwa mit Kino, Kabarett oder Autorenlesungen. Das mag zwar auf den ersten Blick verwundern, doch Obdachlose und Arme brauchen mehr als Nahrung oder Kleidung, findet Katrin Lauterborn: „Die Probleme sind nicht nur die, die man von außen wahrnimmt. Viele sind einsam, fühlen sich als Ausgestoßene und können kaum an irgendetwas teilnehmen.“ Das „Gast-Haus“ sei ein Ort, an dem die Gäste Freunde treffen können.

Kommunikation ist für Menschen, die sozial isoliert sind, enorm wichtig. Zudem dürfe man auch nicht vergessen, dass beispielsweise der Sommer die Zeit der großen Feste unter freiem Himmel sei. Hier fühlen sich Obdachlose noch mehr als Außenseiter, als Menschen, die nicht dazugehören. „Alle Stadtteile müssen deshalb Räume haben, wo sich Leute ohne Geld treffen können“, ist Werner Lauterborn überzeugt.

Im „Gast-Haus“ selbst, das sich ausschließlich über Geld- und Sachspenden finanziert, werden Planungen für die Zukunft immer konkreter. „Was wir brauchen, sind mehr Beratungsmöglichkeiten“, betont Vereinsassistentin Lauterborn.

Deshalb wird im oberen Geschoss umgebaut und Platz geschaffen. In separaten Räumen können Gäste dann mit Experten besprechen, wie sie zum Beispiel wieder Mitglied einer Krankenkasse werden können oder welche Unterlagen sie benötigen, um Sozialleistungen zu beantragen. Ferner ist die Schuldnerberatung nach wie vor ein wichtiges Thema.

Katrin Lauterborn erfüllt ihre Arbeit, auch „wenn manches nicht so toll läuft“. Kommen Gäste unter Alkohol- oder Drogeneinfluss, sei die rationale Seite oft ausgeschaltet. Vernünftige Argumente liefen dann ins Leere. Dennoch: Die Dankbarkeit der Obdachlosen gibt allen Engagierten Kraft zum Weitermachen.

 

(Weitere Beiträge und Fotos zum Thema finden Sie im Dom, Ausgabe Nr. 37 vom 11. September 2016)

 

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