Ein Reichtum anderer Art

Die Kategorien von reich und arm sind in den Augen Gottes andere als in den Augen der Menschen.

Manchmal haben Kinder ein untrügliches Gespür dafür, worauf es ankommt: Teilen, zum Beispiel.Foto: dpa

 

Die Kategorien von reich und arm sind in den Augen Gottes andere als in den Augen der Menschen.

von Reinhard Bürger

„Vergiss die Armen nicht!“ – Dieses Wort wurde Papst Franziskus von einem befreundeten Kardinalskollegen bei seiner Wahl mit auf den Weg gegeben. Und Franziskus hat bisher beeindruckende Zeichen gesetzt.

Er hat für sich selbst einen möglichst einfachen Lebensstil gewählt. Er feiert den Gründonnerstag mit Flüchtlingen oder mit jungen Gefangenen. Der konkrete Mensch, dem er die Füße wäscht, zählt für ihn mehr als kultische Gepflogenheiten. Er hat die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln besucht und einige von ihnen mitgenommen und ihnen im Vatikan ein Zuhause gegeben.

Die Debatte um Reichtum und Armut innerhalb und außerhalb der Kirche hat dadurch eine neue Inspiration bekommen. Als Kirche in Deutschland werden wir uns da noch warm anziehen müssen. Wir sind materiell reich und gesättigt. Als Pfarrer bekomme ich ein ordentliches Gehalt und brauche mir um eine Wohnung keine Gedanken machen. Unsere Kirchen und die anderen Gebäude sind in der Regel in einem guten Zustand und durch das kirchliche Recht ist alles irgendwie geregelt und abgesichert.

Das Evangelium mit der Erzählung vom reichen Landwirt greift dieses Thema auf. In starken Bildern nimmt es damit auch unsere heutige Lebenswirklichkeit schon aufs Korn: die Optimierung unserer Arbeitsabläufe, die extrem hohen Managergehälter, immer schnellere und komfortablere Autos, Kreuzfahrtschiffe mit allem Luxus, Partys, bei denen sich die Tische biegen, perfekte Inszenierungen bei Sport-, Musik- und Showveranstaltungen. Das „immer höher – immer schneller – immer besser“ findet sein biblisches Bild in den Scheunen, die immer größer werden müssen.

Ich möchte niemandem den Spaß an seinem neuen Schlitten nehmen oder ihm ein schlechtes Gewissen einreden wegen einer teuren Reise – das steht mir nicht zu. Ich werde aber durch diese Provokation Jesu selbst auf einen Weg aufmerksam, der mir zeigt: Der Wert deines Lebens bemisst sich nicht aus der Summe der zurückgelegten Urlaubskilometer oder der PS-Zahl deines Autos. Jesus ermutigt dagegen zum Reichtum vor Gott. Und ich lerne immer wieder Menschen kennen, die vor Gott unendlich reich sind: die Frau, die jahrelang aktiv Hilfsmaßnahmen organisiert hat, jetzt auf den Rollstuhl und eine neue Wohnung angewiesen ist und ex­tra vorbeikommt, um „Danke“ zu sagen für eine kleine organisatorische Hilfe, die wir geben konnten. Dann die Frauen und Männer, die – oft schon Rentner – Möbel schleppen, Wege zu den Ämtern begleiten, um den Flüchtlingen bei uns einen Start in einer fremden Welt zu ermöglichen. Reichtum vor Gott ist eben keine Frage des Geldes oder des Prestiges. Die übertriebene Sorge um die vielen Kleinigkeiten des Lebens engt unser Leben ein und behindert es in seiner Entfaltung.

Wer das Evangelium noch ein paar Verse weiterliest, findet diese Antwort Jesu: Sorgt euch nicht! Ein von vorn bis hinten durchgeplantes und abgesichertes Leben kann nicht mehr offen sein für Überraschungen, Geschenke und das Wirken des Geistes Gottes. Auch das Handeln der Kirche lässt sich daran messen. Als gut organisierte Kirche in Deutschland müssen wir uns das immer wieder sagen lassen. Ruhen wir uns auf unseren Plänen, Institutionen oder unserem Finanzpolster aus oder sind wir bereit, an die Ränder zu gehen? Wollen wir im Heute Gottes und im Augenblick leben und eine wohlbegründete Sorge von der Sorge um banale Kleinigkeiten trennen? Wollen wir uns überraschen lassen oder wollen wir alles im Vorfeld berechnen?

Diese Worte Jesu haben für mich überhaupt nichts Lebensverbietendes, sondern sind sehr lebensbejahend.

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