Ein königliches Versprechen

Gedanken zu Lk 23,35-43

Heute noch! Foto: David-W-/photocase

 

Der Christus-König am Kreuz öffnet dem, der es wünscht, das Tor zum Paradies.

von Michael Menke-Peitzmeyer

Niemand von uns weiß, welche letzten Worte wir sprechen werden und wem wir sie sagen … – dann, wenn für uns persönlich das Ende des Lebens bevorsteht. Wer wird dann in unserer Nähe sein und sie hören? Niemand weiß, wer in unserer Sterbestunde neben uns steht oder liegt. Und wir wissen nicht, welche letzten Worte wir noch zu hören bekommen werden.

Im Evangelium des Christkönigsfestes werden wir mit „letzten Worten“ konfrontiert: mit den Abschiedsworten Jesu. Sie werden nicht im himmlischen Thronsaal gesprochen, und Machtworte sind es auch nicht. Welche Worte findet ein König wie Jesus, wenn er stirbt? Wofür bringt er dann Kraft auf? Wird er sein Haus bestellen, ein richtungsweisendes Testament vorlegen, die Nachfolge regeln? Nichts von alledem.

Der Evangelist Lukas, durch dessen Brille wir im zurückliegenden Kirchenjahr den Weg Jesu betrachtet haben, sieht im fahlen Licht des Karfreitags drei Kreuze und bewahrt ein Abschiedswort Jesu sowie ein Gespräch der drei zum Tode Verurteilten auf. Eine düstere Stimmung. Einziger Lichtblick: Der Christus-König stirbt nicht mutterseelenallein; er ist in Gesellschaft zweier namenloser Krimineller, die sein Los teilen. Zwei Menschen, die zufällig mit ihm zusammengeraten; zwei, die Jesus vorher nie nahegekommen sind. So sieht es Lukas: Niemand hing Jesus in seiner letzten Stunde näher als diese beiden. Drei Menschen treffen aufeinander, doch nur zwei kommen sich näher. Der Dritte bleibt trotz räumlicher Nähe himmelweit entfernt von diesem Geschehen, das sich zwischen Himmel und Erde zuträgt und Himmel und Erde scheidet wie nie zuvor.

Eine solche Ungleichzeitigkeit kann auch uns passieren: Wir sind am selben Ort versammelt, aber wir bleiben uns fremd. Der eine blickt durch; der andere nicht. Der eine ist mit Leib und Seele dabei, der andere nur körperlich anwesend. Der eine spürt Jesu Nähe, dem anderen entgeht die Gunst dieser Stunde. Der eine höhnt wie der Versucher (Lk 4,9); der andere betet: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Zwei sterben neben Jesus, aber nur einer mit Jesus. Zwei sehen denselben Jesus; doch nur einer sieht den Christus-König.

Wie werde ich am Ende bei ihm sein, wenn sich die Geister scheiden? Verhärtet, bis zuletzt mit mir beschäftigt und furchtbar uneinsichtig? Oder Hilfe suchend, ehrlich und vertrauend? Oder werde ich versuchen, bis zuletzt Zuschauer zu sein, unbeteiligter Passant, in sicherer Entfernung vom Kreuz? Kann ich mich am Ende aus der Affäre ziehen und unbeschadet Zuschauer bleiben? Eines steht fest: Wenn der König kommt, dann muss ich Stellung beziehen: so oder so.

Der Evangelist Lukas tritt also menschlich und geistlich ganz nahe an das Kreuz Jesu heran; er hört ein Schuldeingeständnis und die Bitte eines Kriminellen. Und er überhört auch das leise Sterbenswort Jesu nicht. Eine umwerfende, unausdenkbare Verheißung ist da zu hören: „Heute noch gebe ich dir, Mensch, Anteil an meiner Königsherrschaft! Du wirst sein! Mit mir! Im Paradies!“

Ob wir uns von Herzen die Erfüllung dieses Versprechens wünschen, wenn wir die Schwelle des Todes überschreiten? Übrigens: In der Eucharistiefeier sind wir genauso nah dran an Jesus wie die beiden Schächer, die mit ihm starben. Wie gehen wir mit dieser einzigartigen Chance um?

Ich hoffe, dass nicht ein beziehungsloses Nebeneinander, sondern ein heilsames Miteinander diese letzte Stunde prägen wird. Ich hoffe, dass jemand bei mir ist, der keine leeren Versprechungen macht, sondern Leben in Fülle schenkt – auf ewig! Deshalb rufe ich schon jetzt: Denke an mich, wenn du in deiner Königsherrschaft kommst! Sei mir gut, vergiss mich nicht! Und ich denke auch an die vielen Namenlosen und an alle, denen schon so viel versprochen wurde und die doch immer wieder vom Leben enttäuscht wurden. Und denke an die, die nicht mehr beten können, auch nicht in der letzten Stunde ihres Lebens.

Und dann gilt es zu vertrauen: auf die königliche Geste, auf das Gnaden-Wort des gekreuzigten Königs.

Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer ist Domkapitular und Regens des Priesterseminars in Paderborn.

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