Die Handschriften wurden vergraben

Das Edith-Stein-Archiv kümmert sich um den Nachlass und macht ihn der Forschung zugänglich

Um eine sachgemäße Lagerung des handschriftlichen Nachlasses der heiligen Edith Stein zu gewährleisten, ist das Archiv in Köln mit einem Lesesaal, einem Handschriftenmagazin und einem kleinen Museum ausgestattet worden. Foto: KNA

 

Köln. Edith Stein hat während ihres Studiums und ihrer Zeit im Orden viele Schriften verfasst – philosophische und theologische Abhandlungen genauso wie Briefe, Gedichte oder Aphorismen. Ein Glücksfall sorgte dafür, dass ihre Handschriften gerettet werden konnten. Heute werden sie im Kölner Edith-Stein-Archiv verwahrt. Dort können sie zu Forschungszwecken eingesehen werden – ebenso wie die Literatur über die Heilige. Der DOM sprach mit dem Leiter des Archivs, Thomas Schuld, über Art und Umfang der Sammlung sowie geplante Aktivitäten.

von Andreas Wiedenhaus

DOM: Welche Aufgabe hat das Edith-Stein-Archiv?

Thomas Schuld: Die wichtigste Aufgabe des Archivs ist die Sicherung der Handschriften der hl. Edith Stein. Außerdem werden alle Werke von und über Edith Stein, wie auch alle Übersetzungen, gesammelt. Zudem begleitet das Archiv die Edith-Stein-Ausgabe und die wissenschaftliche Forschung zu Edith Stein. Alle Anfragen zu Edith Stein, zu ihrem Leben und Werk, werden gerne, nach unseren Möglichkeiten, beantwortet. Nach vorheriger Anmeldung sind das Archiv und der Lesesaal für Besucher und Benutzer geöffnet.

Woraus setzt sich der Archiv-­Bestand zusammen, was ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig?

Der Bestand der Handschriften umfasst 20 000 Blätter. Ebenso ist ein Teil der privaten Bibliothek Edith Steins erhalten geblieben. Dazu kommt eine umfangreiche Sammlung von Fotografien zum Leben und Umfeld Edith Steins. In einer Datenbank können die digitalisierten Handschriften eingesehen werden. Im Lese­saal kann die umfangreiche Präsenzbibliothek, die neben der Primär- und Sekundärliteratur zu Edith Stein auch Monografien zur Philosophie und Zeitgeschichte umfasst, genutzt werden.

Welche Stücke ragen besonders heraus?

Besonders eindrucksvoll ist das Manuskript „Aus dem Leben einer jüdischen Familie“. Auf insgesamt 1067 Seiten, aus Sparsamkeit meist auf der Rückseite von Durchschlägen eines Maschinenmanuskriptes, hat Edith Stein ihre Autobiografie niedergeschrieben. Begonnen 1933 in Breslau, wo sie noch ihre Mutter zur Familiengeschichte befragen konnte, vollendete sie das Manuskript 1939 in Echt. 1965 in einer gekürzten Fassung erschienen, wurde es erst 1985 vollständig als eigenständiges Buch herausgegeben. Edith Stein hat in einer klaren lateinischen Schreibschrift ihre Manuskripte verfasst, sodass diese gut lesbar sind. Die geistige Konzentration ist ihrer persönlichen Handschrift eindrucksvoll anzumerken.

Die Handschriften haben geinen hohen Stellenwert, wie wurden sie gerettet?

In der Tat ist es ein großer Glücksfall, dass die Handschriften nicht verlorengingen. Bereits im Kloster Echt wurden sie im Garten vergraben, dann bei Kriegsende versteckten Mitschwestern zwei Säcke in einem Bauernhof. P. Herman Leo Van Breda OFM, der von ihrer Existenz erfuhr, suchte dann nach ihnen und brachte die Manuskripte schließlich zur Universität Löwen, wohin er bereits schon den Nachlass des Philosophen Edmund Husserl, des Lehrers Edith Steins, retten konnte.

Die Handschriften haben, neben ihrer wissenschaftlichen Bedeutung, auch als Zeugnisse von der Hand der heiligen Edith Stein den besonderen Rang von „res sacrae“. Das Archiv versteht sich daher auch als Gedenkstätte für eine irdische Existenz, der, wie allen anderen in den Konzentrationslagern Umgebrachten, kein Grab vergönnt war.

Wozu dient das Archiv, wer nutzt es in erster Linie?
Hauptsächlich wird das Archiv von Forschern genutzt, die ihre Dissertations- oder Habilitationsschrift über Edith Stein schreiben. Das Interesse an Edith Stein ist besonders im Ausland sehr groß. So kam etwa im Sommer eine Professorin aus Japan, die die „Kreuzeswissenschaft“ von Edith Stein ins Japanische übersetzt. Ebenso besuchte uns im August ein Professor aus Polen, der in Begleitung von Kardinal Joachim Meisner
kam, der ebenso wie Edith Stein in Breslau geboren wurde und sich der Heiligen besonders verbunden fühlt. Aber auch Pilger, die auf den Spuren der hl. Edith Stein nach Köln kommen, schauen gerne in das Archiv herein.

Welche wichtigen aktuellen Projekte gibt es?

Das wichtigste Projekt seit mehreren Jahren ist die Sicherung der 25 000 Blätter des Nachlasses. Wegen des starken Säuregehaltes des Papiers und der Gefahr des Ausblassen der Tinte war eine Rettung der Originale dringend notwendig. Jedes einzelne Blatt wird einer sorgfältigen Restaurierung unterzogen. Zudem wird es mit einem Großscanner digitalisiert. Außerdem wurde der komplette Nachlass eines Edith-Stein-Forschers inventarisiert und archiviert. Neben den laufenden Archivierungsarbeiten werden wir verstärkt Vorträge und Führungen anbieten, um das Leben und Werk der hl. Edith Stein einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Welche weiteren Planungen gibt es für die Zukunft?

Es sind mehrere Publikationen geplant, so beispielsweise eine Neuauflage des sehr verdienstvollen Buches von Sr. Maria Amata Neyer: „Edith Stein. Ihr Leben in Dokumenten und Bildern“. In der wissenschaftlichen Forschung soll das Verhältnis zwischen christlicher und jüdischer Philosophie ein besonderer Schwerpunkt werden. Für alle diese Projekte müssen große Summen aufgewandt werden.

Die 2007 gegründete „Edith- Stein- Stiftung“, die sich die dauerhafte Sicherung des Nachlasses, seine konservatorische Betreuung und seine wissenschaftliche Aufarbeitung zur Aufgabe gemacht hat, ist daher für jede Spende dankbar!

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