Der Spaziergänger im Vatikan

Benedikt XVI. hat Joseph Ratzinger noch nicht losgelassen

Rom (KNA). Sein Vater war Dorfpolizist. Sein Lieblingsbrettspiel ist „Mensch ärgere dich nicht“. Er ist der vielleicht berühmteste Fanta-Trinker der Gegenwart. Drei Dinge, die man nicht wissen muss. Alles andere ist wichtig; denn seine Biografie gehört zu den wohl vollsten des 20. Jahrhunderts. Am 16. April wird Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. nun 90 Jahre alt.

Papst Franziskus und Papst emeritus Benedikt XVI.: Zwei Päpste im Vatikan sind kein Problem, wie manche Skeptiker nach dem Rücktritt Benedikts befürchtet hatten.Foto: KNA

 

von Alexander Brüggemann

Seine Bezeichnung für die Geschichtsbücher ist längst gefunden. „Professor Papst“ nannte man ihn: weil seine Ansprachen vor der UNO, im Berliner Reichstag oder im britischen Parlament anspruchsvoll wie Vorlesungen waren – und weil er aus seiner alten Liebe zur akademischen Forschung nie einen Hehl gemacht hat.

Von einem „Panzerkardinal“ oder einem „Wachhund Gottes“ war zu Beginn seiner Karriere noch nichts zu hören. Der junge, schüchterne Priester aus Bayern füllte in Bonn selbst die größten Hörsäle. Seine Brillanz veranlasste den Kölner Kardinal Josef Frings, den gerade 35-Jährigen zu seinem Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil (19621965) zu machen.

Über den einflussreichen Frings und über viele Gespräche mit anderen Konzilsvätern nahm Ratzinger erheblichen Einfluss auf diese größte Kirchenversammlung des 20. Jahrhunderts: seine Stern- und Schicksalsstunde. Unterdessen bekam er, wie Kollegen spöttelten, den Wanderpokal der theologischen Fakultäten. Bonn 1959, Münster 1962, Tübingen 1966, Regensburg 1969 wurden zur Wiederannäherung an seine eigentliche Heimat: Bayern.

Der Euphorie des Konzils folgte ein Aufbruch, aber auch eine Zeit der Verunsicherung: Experimentierfreude im Gottesdienst, Bildersturm bei Kircheneinrichtungen und liturgischen Schätzen. Hatte sich die Kirche zu sehr dem Zeitgeist angedient? Auch der verschreckte Konzilstheologe Ratzinger wandte sich nach der „Revolution der 68er“ der Verteidigung der Tradition und der Volksfrömmigkeit seiner Jugend zu.

Der Episode als Erzbischof von München und Freising (1977–1982) folgte seine jahrzehntelange Bestimmung – als Präfekt der römischen Glaubenskon­gregation. Vom Vatikan aus bekämpfte er fortan für Johannes Paul II. modernistischen Relativismus und eine marxistisch orientierte Befreiungstheologie.

Seine Erklärung „Dominus Iesus“ (2000), in der er die besondere Stellung der katholischen Kirche betont, sorgte für weltweite und anhaltende Debatten. Das theologische Gehirn des Wojtyla-Pontifikates erhielt Attribute wie „Großinquisitor“ und „Panzerkardinal“. Gleichwohl pflegte er die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Welt, etwa mit dem Philosophen Jürgen Habermas über Glaube und Vernunft 2004.

Am Ende zeigte sich Ratzinger amtsmüde – doch Johannes Paul II. überredete ihn zu bleiben. So wurde er zur neuen Überfigur, als der Gigant aus Polen 2005 nach langem Todeskampf starb. Am 19. ­April wurde Ratzinger zum Papst gewählt. Er nannte sich Benedikt XVI. – nach dem Friedens­papst Benedikt XV. (1914–1922) und dem Patron Europas, Benedikt von Nursia (480–547).

Viele sprachen von einem Papst des Übergangs – 78 Jahre alt und aus seinen Gedanken an das Klavier und den Ruhestandsschreibtisch im bayerischen Pentling gerissen. Freimütig berichtete er, wie „das Fallbeil“ auf ihn niedergegangen war. Der Mensch Joseph Ratzinger schien bei Benedikt XVI. viel stärker durch als beim Glaubenswächter: Einfachheit, Bescheidenheit, Harmoniebedürfnis. Seine drei Enzykliken gehören zum Besten, was päpstliche Theologie bieten kann.

Das größte Thema seiner Amtszeit war die Ökumene. Mit dem Patriarchen von Konstantinopel entwickelte sich eine echte Freundschaft. Den (calvinistischen) Gründer der Gemeinschaft von Taizé, Frére Roger, ließ der Verfasser von „Dominus Iesus“ bei der Beisetzung Johannes Pauls II. zur Kommunion zu.

Benedikt XVI. bereicherte die Optik des Papstes durch symbolische Zitate aus der Geschichte. Traditionelle Accessoires wie die Hermelinkappe („Camauro“) oder der rote Krem­penhut („Saturno“) wurden als traditionalistische Mode-­Gags oder gar als Eitelkeit missverstanden. Tatsächlich spiegelten sie 2 000 Jahre Tradition und Auftrag der Kirche.

2006 löste ein Detail eines hoch intellektuellen Vortrages in Regensburg einen Sturm in der islamischen Welt aus. Benedikts schlagzeilenträchtiger Istanbul-Besuch wurde zur bis dato schwierigsten vatikanischen Krisendiplomatie. Ein weiteres zentrales Anliegen war dem deutschen Papst die Versöhnung von Kirche und Judentum. Seine Rede in der ­Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 2009 kollidierte freilich mit seinen Zugeständnissen an die traditionalistischen Piusbrüder.

Die Bruderschaft St. Pius X. steht für Ratzingers größte Panne. Der Anhänger katholischer Tradition wollte sich mit dem Bruch 1988, den er selbst als Glaubenspräfekt mitverantwortet hatte, nicht abfinden. Als Papst suchte er die Aussöhnung. Doch zeitgleich wurde Peinliches enthüllt: Einer der Pius-Bischöfe hatte den Holo­caust geleugnet.

Auch der „Vatileaks“-Skandal um heimlich kopierte vertrauliche Dokumente machte Benedikt XVI. das letzte Amtsjahr schwer. Es folgte jener Akt, der ihm für alle Zeiten einen Platz in den Geschichtsbüchern sichert. Der erste freiwillige Amtsverzicht eines Papstes seit 718 Jahren erfolgte nach intensiven inneren Erörterungen – theologischer Befreiungsschlag und Sprengsatz zugleich.

Benedikt XVI. wurde der Spaziergänger im Vatikan – der nicht ganz so still blieb, wie er es gelobt hatte. Kritiker werteten seine „Letzten Gespräche“ mit Peter Seewald als einen Versuch, die Hoheit über sein eigenes Bild in der Geschichte zurückzugewinnen. Ähnlich wie die vermeintliche Plauderei, mit der er sich 2013 von seinem römischen Klerus verabschiedete. Damals unterschied er zwischen dem „wahren Konzil“ und einem „virtuellen Konzil“ der Medien, das das wirkliche Geschehen zur Sensation verzerrt habe. Benedikt XVI. hat 90 Jahre Ratzinger noch nicht wirklich losgelassen.

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