Der Ernstfall des Christseins

Gedanken zu Lk 6,27-38

2015 war ein Jahr, in dem der Ernstfall des Christseins gelebt wurde. Bilder eines weltoffenen Deutschlands gingen um die Welt, Kirchengemeinden engagierten sich selbstverständlich. Doch dieses Jahr soll sich u. a. nach dem Willen der CDU nicht mehr wiederholen. Jetzt lauten die Schlagwörter Frühwarnsystem, Sicherheitshaft, Abschiebung erleichtern. Unser Bild aus dieser Zeit zeigt eine somalische Flüchtlingsfamilie, die vom Domkapitel in Speyer aufgenommen wurde, im Gespräch mit Ordensfrauen und Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Foto: KNA

 

Die Worte Jesu fordern zum Handeln auf, auch wenn sie vielfach überfordern.

von Monika Beineke-Koch

„Euch aber, die ihr zuhört ...“, so beginnt der zweite Teil der Feldrede Jesu bei Lukas. Diese grundlegende Rede Jesu entspricht der Bergpredigt bei Matthäus. In ihr formuliert Jesus seine Programmatik und richtet seine Worte an einen inneren Kreis, seine Jünger.

Ich kann mich fragen: Will ich zuhören, will ich zu Jesus gehören und kann ich seinen Worten entsprechend handeln? Wenn ich dann auf diese Rede Jesu höre, begegne ich einer anspruchsvollen Haltung, Aufforderungen Jesu an seine Zuhörerschaft zu einem Verhalten, das über eine bürgerliche Moral weit hinausgeht. „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen [...] Gib jedem, der dich bittet [...]“ Kennen Sie auch ein Unbehagen bei diesen Aufforderungen; die Erkenntnis, ich bleibe hinter diesem Anspruch zurück, sie stellen eine zu große Herausforderung für mich dar?

Manche Versuche, diese Weisungen Jesu so auszulegen, dass es sich um einen utopischen Gesellschaftsentwurf handele, der sich erst bei der Vollendung der Welt durch Gott verwirklichen lasse, können mich nicht überzeugen. Ich nehme diese Worte Jesu als den Ernstfall des Christseins wahr. Es ist ihm ernst damit. Er steht mit seinem Leben und Sterben dafür ein. Mit seinem Kommen beginnt das Reich Gottes und diejenigen, die zu ihm gehören, sollen durch ihr Verhalten und Handeln zum Wachsen des Reiches Gottes beitragen.

Und wenn ich weiter über diese Aufforderungen zur Feindesliebe, zum Gewaltverzicht und zum großzügigen Geben nachdenke, entdecke ich darin eine tiefe Lebensweisheit. Es wird mir bewusst, dass darin eine Möglichkeit steckt, Gewaltkreisläufe zu durchbrechen, Situationen zu befrieden und zu verändern und neues Leben zu ermöglichen. Sie machen mir Mut, besonnen zu handeln in einer aufgewühlten gesellschaftlichen Situation, in der wir uns heute oft befinden. Sie laden dazu ein, großzügig zu werden, mit offenem Herzen zu geben ohne Berechnung. Großzügig zu schenken und zu teilen, das scheint mir eine ganz wesentliche Haltung in unserer Lebensweise des Über-­Konsums zu sein, ein Anknüpfungspunkt für mich, mich in den von Jesus beschriebenen Haltungen zu üben.

Da will ich ansetzen. Die kommende Fastenzeit kann zu einer willkommenen Gelegenheit werden, mich im großzügigen Geben auszuprobieren. Gerade auch in dem Bewusstsein, dass ungleiche Besitzverhältnisse und ausbeuterische Wirtschaftsbeziehungen zu Gewalt und Krieg führen.

Ja, ich will auf Jesu Worte hören und sie ernst nehmen! Wenn ich auch immer wieder die Erfahrung mache, dass ich dahinter zurückbleibe, ich will sie nicht überhören.

Dazu möchte ich auch Sie, die DOM-Lesenden, ermutigen mit den Worten von Dom Hélder Câmara:
„Teilst du dein Brot ängstlich,
ohne Vertrauen,
ohne Wagemut,
überstürzt,
wird es dir fehlen.
Versuch es zu teilen,
ohne in die Zukunft zu denken,
ohne zu rechnen,
ohne zu sparen,
als ein Kind
des Herrn über alle Ernten der Welt.“

Zur Autorin:

Maria Beineke-Koch ist freiberuflich als Religionspädagogin tätig.

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