Degradiert zu Ramschware

Ein Kommentar von Andreas Wiedenhaus

Manches ändert sich auch in mehr als hundert Jahren kaum: Als der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair 1906 in seinen Roman „Der Dschungel“ die unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen meist osteuropäischer Einwanderer in den Schlachthöfen von Chicago beschrieb, stellte er desillusioniert fest: „Ich zielte auf die Herzen der Menschen, aber ich traf ihre Mägen.“

Wirkung zeigte das Werk nämlich in erster Linie durch die schockierenden Schilderungen der hygienischen Verhältnisse.

Auch heute ist das Interesse daran, wie Arbeiter mit Werkverträgen in der Fleischindus­trie behandelt werden, nicht sonderlich groß. Gewerkschaften, private Initiativen und Kirchenvertreter mussten „dicke Bretter“ bohren, bis sich etwas tat. Bei Lebensmitteln richten viele Konsumenten ihr Augenmerk einzig und allein auf den Preis. Alles andere scheint zweitrangig.

Sicherlich ist der Verbraucher nicht direkt verantwortlich, trotzdem hat er Einflussmöglichkeiten, wenn es darum geht, für faire Verhältnisse zu sorgen. Experten schätzen, dass schon ein Mehrpreis von rund fünf Cent pro Kilo Schweinefleisch für eine „anständige“ Entlohnung reichen würde. Etwas Interesse daran, zu welchen Bedingungen produziert wird, würde nicht nur den Arbeitnehmern helfen. Auch die Tiere sind mehr als reine „Fleischlieferanten“.

Angesichts der oft noch prekären Verhältnisse muss man eines nüchtern feststellen: Nicht nur das Fleisch wird zur Ramschware degradiert, auch die Arbeitsleistung vieler, die in diesem Bereich tätig sind. Damit nimmt man ihnen nicht nur den Lohn, der ihnen zusteht, sondern auch einen Teil ihrer Würde.

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