Das Urteil

Meditationen zur Fastenzeit

Kreuzwegstationen aus dem Erzbistum werden in der Fastenzeit an dieser Stelle vorgestellt. Die erste Station ist eine Arbeit der Künstlerin Nina Koch, die 2002 den Kreuzweg für die Heilig-Kreuz-Kirche in Dortmund-Rahm schuf.

Erste Station des Kreuzweges in der Heilig-Kreuz-Kirche in Dortmund-­Rahm, eine Arbeit der Bielefelder Künstlerin Nina Koch.
Foto: Ansgar Hoffmann

 

von Claudia Auffenberg

Die dargestellte Szene ist bekannt: Jesus wird zum Tod verurteilt. Und wer wer ist, ist auch klar. Der Richter rechts, der Angeklagte links. Aber irgendwas ist seltsam. Pilatus wirkt kleiner. Sicher, er sitzt, aber ist ein Richterstuhl nicht erhöht? Schaut denn ein Richter zum Angeklagten hoch, schaut er nicht eigentlich auf ihn herab? Hier schaut Jesus herab, er beugt sich sogar zu Pilatus hin. Wie eine Mutter, die sich ihrem Kind zuwendet.

Pilatus, der Richter über Leben und Tod, ist ein egoistischer Taktiker, eine Art Trump der Antike, so stellt man sich das vor. Das Leben eines Menschen bedeutet ihm wenig bis nichts.

Doch die Evangelien zeichnen ein differenzierteres Bild, besonders im Johannesevangelium ist das Verhör des Pilatus ein großes Drama. Er pendelt hin und her, zu Jesus im Prätorium, raus zu den Leuten vorm Prätorium. Rein, raus, rein, raus, immer wieder. Am Ende setzt er sich auf den Richterstuhl und man kann sich vorstellen, dass er dort erschöpft zusammensinkt. Was ist Wahrheit?, fragt er – ausgerechnet den Angeklagten. Was ist die Wahrheit? Auch heutzutage ist das vor Gericht die entscheidende Frage: Kann die Anklage bewiesen werden? Ein Wort des Angeklagten ist hilfreich, am besten ein Geständnis. Das macht das Urteilen leichter, auch für den Richter. Ein Urteil, das sich nur auf Indizien stützt, ist heikel.

So gesehen ist Pilatus in der Klemme. Denn, was hat er? Ein Geständnis, das er nicht versteht; Zeugen, denen er eigentlich nicht glaubt; eine Öffentlichkeit, vor der er Angst hat. Ein Urteil zu sprechen heißt auch, Verantwortung für die Zukunft des Angeklagten zu übernehmen. Ob sich Pilatus dessen bewusst ist? Matthäus erzählt von der Frau des Pilatus, die ihren Mann warnt. Und dass er sich die Hände in Unschuld wäscht. Er verweigert die Verantwortung.

Dennoch: Er fällt das Urteil. Ob er in der Nacht danach schlafen konnte?

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