Das kleine Glück

Der Autor Erwin Grosche kokettiert mit der Weltflucht und bleibt doch unterhaltsam

Paderborn. Der Paderborner Autor Erwin Grosche hat sein zweites Buch im Bonifatius-Verlag veröffentlicht. Obwohl Titel und Thema nicht besonders werbewirksam sind – es geht um die Weltsicht eines alternden Mannes – ist der Band in wenigen Wochen zum lokalen Bestseller geworden.

Skeptischer Blick zurück: Erwin Grosche und sein treuer Wegbegleiter Milik. Foto: Flüter

 

von Karl-Martin Flüter

Der alte Mann besucht ein Kleidungsgeschäft. Es ist Sommer und (fast) alle Männer tragen kurze Hosen. Nur der alte Mann nicht. „Du würdest auch einen Sack tragen, wenn ich den für dich herauslegen würde“, sagt seine Frau über ihn und tatsächlich gesteht der alte Mann: „Sie hatte recht.“ Er war kein Trendsetter, und sein Interesse an neuen Moderichtungen hielt sich in Grenzen. Er sehnte sich nach einem Sack.

Der alte Mann, der sich am liebsten in einem Sack verstecken möchte, ist die Hauptperson in Erwin Grosches neuem Buch „Der alte Mann und sein Hund“ und man darf behaupten, dass der Autor Erwin Grosche – wie in den meisten seiner Werke – in den Eigenschaften seines literarischen Heldens erkennbar ist.

Erwin Grosche spielt die Formen der Selbstverleugnung – „Warum denn chic anziehen?“ –, des Wegduckens vor Veränderungen und des störrischen Festhaltens am Bekannten in seinen Büchern und seinen Bühnenauftritten seit vielen Jahren immer wieder durch. Er ist der Mann mit der Angst vor der großen Welt und der Liebe zur kleinen Nische. Irgendwie spießig und aus der Zeit gefallen, aber auch irgendwie wohltuend widerspenstig.

Schon immer hat der Paderborner Autor und Kabarettist seine Leser mit dieser ganz speziellen Art der Weltverweigerung bezirzt. Dazu gehört auch seine fast ausschließliche Konzentration auf die Stadt Paderborn und die Blickverengung auf das Alte, Versteckte und Abseitige im Stadtbild.

Da geht es beispielsweise um den Hawaii-­Toast, der vor Jahrzehnten mal eine kulinarische Neuigkeit war. Heute kennt die Bedienung im Cafe nicht mal den Begriff.

Wer einen Hawaii-Toast bestellt, ist in den Augen der Kellnerin mehr oder weniger ein Fall fürs Altenheim. Der Leser, der selbst den Auf- und Abstieg des Hawaii-Toasts erlebt hat, schwebt zwischen Fremdschämen und Amüsiertheit. Das alles könnte ihm selbst passieren. Man ist ja auch älter oder sogar alt geworden.

Dass die Lektüre dennoch erbaulich bleibt, liegt an der Erzählkunst Grosches und weil der alte Mann – und sein Alter Ego Erwin Grosche – alles andere als einsam ist, sondern auf eine Menge Freunde und Bekannte bauen kann. Ihnen widmet Erwin Grosche einzelne Kapitel, etwa dem beliebten und 2017 plötzlich verstorbenen Gastwirt Konrad Weyher. Grosche, das ist in Paderborn kein Geheimnis, war und ist Stammgast in Weyhers Gastwirtschaft im Haxtergrund. Eine Freundin ist auch die Fotografin Juliane Befeld, die die vielen Schwarz-Weiß-Fotos im Innenteil beisteuert.

So ist dem Paderborner Autor mit ein wenig Unterstützung wieder ein kleines Kunstwerk über Niederlagen im Alltag und das kleine Glück gelungen.

Die kurzen Hosen kauft der alte Mann, obwohl er sie niemals tragen wird. Aber er kann so schlecht „Nein“ sagen. Im Café isst er den Apfelkuchen mit Schlagsahne zuverlässig auf, weil man das so macht – und weil der Geschmack des Gebäckes ihn an früher erinnert, als alles noch einfach und besser war. Zumindest glaubt er das. „Der alte Mann schaute auf den Teller. Alles war aufgegessen worden, von wem auch immer. Nun würde es morgen wieder schönes Wetter geben. Glück zieht Glück nach.“

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