„Das alte Kirchturmdenken ist vorbei“

Die Gründung der Pfarrei „Hl. Martin von Tours Schloß Neuhaus“ weckt Hoffnungen für die Zukunft

Es war ein langer Weg, bis die neue Gesamtpfarrei gegründet war (von links): Pfarrer Peter Scheiwe, Ulrich Heggemann (Vorsitzender im Gesamtpfarrgemeinderat), Vinzenz Heggen (ehemaliger geschäftsführender Voristzender im Kirchenvorstand Sande), Diakon Dr. Klaus Pöppel, die Gemeindereferentinnen Angelika Schulte und Petra Scharfen sowie Konrad Bröckling (ehemaliger geschäftsführender Vorsitzender im Kirchenvorstand Schloß Neuhaus) Foto: Flüter

 

Seit dem 1. Januar 2016 ist die Gesamtpfarrei „Hl. Martin von Tours“ im Pastoralen Raum Schloß Neuhaus Realität. Der 2012 gegründete Pastorale Raum umfasst die vier früheren Pfarreien St. Heinrich und Kunigunde Schloß Neuhaus, St. Joseph Mastbruch, St. Marien Sande und St. Michael Sennelager. Diese Pfarreien wurden am 31. Dezember 2015 aufgehoben. Der Festgottesdienst zur Errichtung der neuen Gesamtpfarrei findet am kommenden Sonntag, 10. Januar, ab 14 Uhr in der Kirche St. Heinrich und Kunigunde in Schloß Neuhaus statt.

Schon am 4. Januar ist Pfarrer Peter Scheiwe, Leiter des Pastoralen Raumes, im Paderborner Dom auf sein neues Amt vereidigt worden.

Der Errichtung der neuen Pfarrei ist eine mehr als dreijährige Vorbereitungsphase vorausgegangen. Mit der Zusammenfassung der beiden Pastoralverbünde Schloß Neuhaus/Mastbruch und Sande/Sennelager zu einem Pastoralen Raum im September 2012 war der Auftrag zur Erarbeitung einer Pastoralvereinbarung verbunden.

In den folgenden Jahren entwickelten die Gremien in den Pfarreien und Arbeitskreise Beschreibungen und Regeln für das Ehrenamt und die Caritas, setzten sich mit den pastoralen Orten und der Taufberufung auseinander. Das Ergebnis liegt jetzt als gedruckte Pastoralvereinbarung vor.

Im Zentrum vieler Gespräche und Diskussionen stand die Rechtsform, die sich der Pastorale Raum geben sollte. Drei Modelle standen dabei zur Wahl: die Beibehaltung des früheren Zustandes mit vier Gemeinden, ein Pfarrvikariemodell und die Gesamtpfarrei – die sich nach vielen Beratungen in den Gremien deutlich durchsetzte. Eine „zweite Überraschung“, so Pfarrer Peter Scheiwe, erlebten die Organisatoren, als sie die Mitglieder in den Gemeinden befragten. Dort war die Meinung eindeutig: Die Gesamtpfarrei erhielt den Vorzug.

Auch an der Namensfindung für die neue Gemeinde waren die Menschen vor Ort direkt beteiligt. Aus den vielen Vorschlägen für das Patronat schafften es drei in die Auswahl, die dem Erzbischof vorgelegt wurde. Die Entscheidung fiel auf Martin von Tours, den Freund des heiligen Liborius.

Der Diskussionsprozess um die Ausgestaltungen des Pastoralen Raumes hatte das Leben in den Gemeinden bereits verändert. Die Teilhabe an den Entscheidungen habe neue Potentiale geweckt und damit gute Voraussetzungen für die künftige Arbeit eröffnet, meint Diakon Dr. Klaus Pöppel. Möglich sei das gewesen, weil im Pastoralen Raum eine wichtige Voraussetzung erfüllt gewesen sei: „Die Gemeinde hat einen Pfarrer, der die Leute machen lässt.“

Die Zusammenarbeit im Pastoralen Raum wird sich dadurch auszeichnen, dass dort Ehrenamtliche immer mehr Verantwortung übernehmen.

Diese Entwicklung ist unvermeidlich, weil die Zahl der haupt­amtlich Tätigen stetig zurückgeht. Als Peter Scheiwe 2002 Pfarrer in Schloß Neuhaus wurde, arbeiteten in den vier Gemeinden sieben Pfarrer, ab 2016 werden im Pastoralen Raum nur noch zwei Geistliche vertreten sein. Ähnlich verhält es sich mit den Gemeindereferenten. Langfristig wird es im Pastoralen Raum nur noch anderthalb Stellen geben. Zurzeit sind vier Gemeindereferenten für die etwa 16 000 Katholiken tätig.

Die neue Gesamtpfarrei eröffnet neue Spielräume, um mit den immer enger werdenden personellen Ressourcen zurechtzukommen. „Wir haben nur noch einen Kirchenvorstand statt vier und nur noch einen Etat, der verwaltet werden muss“, sagt Vinzenz Heggen. Das erspart uns viel Arbeit.“ Heggen war bis Ende 2015 geschäftsführender Vorsitzender des Kirchenvorstandes in Sande.

Gleichzeitig fallen Grenzen. Schon jetzt erlebt Gemeindereferentin Petra Scharfen, dass sich die Menschen in den Orten neu orientieren. Sie suchen sich Angebote aus dem gesamten Pastoralen Raum aus, egal ob diese in Sande, Sennelager, in Schloß Neuhaus oder Mastbruch stattfinden.

So ist es mittlerweile üblich, dass sich Kommunionkinder aus Sennelager in Mastbruch auf die erste heilige Kommunion vorbereiten und andersrum. „Das alte Kirchturmdenken ist Geschichte“, meint die Gemeindereferentin.

Die neue Offenheit ermutigt zu neuen Ideen und Plänen. So denken die Macher im Pastoralen Raum bereits an ein Taufcafé und ein zentrales Haus der Begegnung, das für alle offen ist. Sie hoffen, auf diese Weise neue Zielgruppen auch außerhalb der Kirche zu erreichen.

Einen Aufwärtstrend hat Pfarrer Peter Scheiwe bereits 2015 festgestellt: „Wir haben im vergangenen Jahr so viele Taufen und Hochzeiten wie lange nicht mehr gehabt.“

Karl-Martin Flüter

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