Besonderes Kennzeichen: Liebe

Gedanken zu Joh 13,31-33a.34-35

Foto: maspi/Photocase

 

Das, was im Leben wesentlich ist und den Tod überlebt, ist die Liebe.

Der Abschied ist endgültig. In dieser Welt wird es kein Wiedersehen geben, jedenfalls nicht von Angesicht zu Angesicht. Der Abschiedsschmerz ist mit Händen zu greifen. Wie soll es ohne dich weitergehen? Wie werdet ihr ohne mich zurechtkommen?

Für Jesus gibt es nur eine Antwort, die jetzt tragen kann. Der Evangelist Johannes erzählt, wie Jesus seinen Freunden die Füße wäscht und ihnen so ein Zeichen seiner Liebe gibt. Verstanden wird er kaum. Ein Freund verlässt ihn sofort. Was bleibt angesichts des endgültigen Abschiedes? Was ist ewig angesichts der Vergänglichkeit? Stark wie der Tod ist die Liebe. So formuliert es das Hohelied im Ersten (Alten) Testament.

So handelt und redet Jesus. Sein Wesen, das, was ihn ausmacht, ist die Einheit mit Gott. In Jesus wird die Verbindung des Menschen mit Gott sichtbar, spürbar, fassbar. Wer Jesus Respekt, Bewunderung, ja Liebe entgegenbringt, der respektiert, bewundert, liebt Gott. Wer Gott sucht und ihm vertraut, der sucht und vertraut auch Jesus, dem Christus. So sieht es Johannes.

Häufig erkennen wir erst im Moment des Abschiedes, wie sehr wir den Menschen verbunden sind, die wir nun zurücklassen. Der tägliche Ärger rückt in den Hintergrund. Das Wesentliche wird sichtbar. So wünschen wir ihnen, dass sie sich doch auf das konzentrieren mögen, was wirklich zählt. Auf das, was dem Leben Sinn und Tiefe gibt. Liebt ei­nander! Hört auf zu streiten! Vertragt euch!

Das, was uns Menschen voneinander trennt, wird fast bedeutungslos gegenüber dem, was uns verbindet. Bei Katastrophen, aber auch bei anderen Wendepunkten im Leben wird uns bewusst, wie verletzlich und endlich jedes menschliche Leben ist. Wir alle sind angewiesen auf Wasser und Nahrung, wir alle sehnen uns nach Sinn und Erfüllung. Der eine so, die andere so.

Uns verbindet mehr, als uns trennt! Diese Erkenntnis in Herz und Hirn möge uns Christen in besonderer Weise eigen sein. Nicht nur die Trennung in Konfessionen, auch die unterschiedlichen Gruppierungen in den Gemeinden und vor allem ihr Umgang miteinander vermitteln manchmal einen anderen Eindruck. Wie gehen wir in den neuen pastoralen Räumen miteinander um? Versucht jede Gemeinde; die eigenen Pfründe zu sichern und sich abzugrenzen? Oder gehen wir im Geist Jesu aufeinander zu, hören einander zu, versuchen zu verstehen, was hinter dem anderen Standpunkt steht und warum eine Entscheidung so getroffen wurde? Und streiten wir fair und offen miteinander?

Es gibt viele positive Erfahrungen inner- und außerhalb von Kirche, bei denen die Beteiligten erstaunt feststellen, wie bereichernd es ist, mitei­nander zu reden und die anderen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Vielleicht können sie mich sogar von meiner Einseitigkeit, von meinen blinden Flecken heilen.

Jeder und jede von uns bleibt hinter der Liebe zurück, die wir einander schulden. Aber Jesus erwartet sicherlich keine Perfektion. Er hat am eigenen Leibe erfahren, was Menschen einander antun können. Er hat auch den Alltag in einer Gruppe von gutwilligen, hilfsbereiten, ehrgeizigen, ängstlichen, schwachen und doch sehnsüchtigen und hoffnungsvollen Menschen erfahren. Die anderen und mich selbst als Geschöpfe Gottes und als Jünger Jesu ernst nehmen – Gott von ganzem Herzen lieben und meinen Nächsten wie mich selbst – was das konkret für uns heißt, dürfen wir immer wieder neu bedenken, erspüren und probieren, immer wieder auch vor Gott bringen. Jesu Segen haben wir.

Gisela SturmReligionslehrerin und Beauftragte für die Schulseelsorge am Erzbischöflichen Gymnasium in Bad Driburg

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