Bei Gott ist nichts unmöglich

Gedanken zu Mt 1,18-24

Zeit zum Nachdenken: Was kann ich tun, welche Konsquenzen hat das für andere? Foto: hello-beautyful/photocase

 

Wenn wir Menschen an Grenzen stoßen, entfaltet Gott seine wunderbare Macht.

von Andreas Otto

Wir nähern uns dem Weihnachtsfest – sichtbar in der Dekoration sowohl der Kirchen als auch der Geschäfte; spürbar vielleicht auch in den Zeiten, in denen es uns gelingt, vom geschäftigen Treiben Abstand zu nehmen und uns dem Kern dessen zuzuwenden, was Advent eigentlich ist: Etwas auf sich zukommen zu lassen, etwas an sich heranzulassen. Das Evangelium des vierten Adventssonntags bietet dazu gleich mehrere Gelegenheiten.

Maria erwartet ein Kind durch das Wirken des Heiligen Geistes. Der Evangelist nimmt uns in seiner Erzählperspektive mit auf die Seite der Wissenden, die hier jedoch eher die Gläubigen sind. Entsprechend staunend können wir die Passage lesen, in der etwas geschildert wird, was die Zeitgenossen wohl eher so gesehen haben: Sie war ungewollt schwanger. Das Kind würde ein uneheliches. Hätte es in der Synagoge schon Personenstandsregister gegeben, wäre da bei der Darstellung des Herrn später vielleicht eingetragen worden: illegitim. Mit Simeon und Hannah als Zeugen. Gott schuf den Menschen nach seinem Abbild (Gen 1,27). Und wenn er es zulässt, dass sein eigener Sohn unter Umständen geboren wurde, die Zeitgenossen als zweifelhaft erschienen, dann dürfen wir glauben: Gott schuf jeden Menschen nach seinem Abbild.

Josef möchte Maria nicht bloßstellen, weil er gerecht ist. Man könnte meinen, der Ausdruck gerecht sei in diesem Zusammenhang vielleicht eine kleine Unebenheit in der Übersetzung. Vielleicht hätte da besser rechtschaffen stehen müssen; ein Wort, das sich zumindest aus dem aktiven Sprachgebrauch langsam verabschiedet, oder vielleicht anständig, in jedem Fall das exakte Gegenteil von einem shitstorm. Er handelt überlegt: Er bedenkt die Folgen seines Tuns und der Engel erwischt ihn beim Nachdenken. Statt mit lauten Anschuldigungen möchte er sich in aller Stille von Maria trennen, ihr vielleicht die Möglichkeit zu einem geordneten Familienleben mit demjenigen bieten, von dem das Kind stammt. Vielleicht hatte er mit dieser Rücksichtnahme auf seine Verlobte auch dessen Schicksal im Blick: Statt einer Position am Rande der Gesellschaft wäre ihm so eine Kindheit möglich geworden, wie sie Josef vielleicht selbst erlebt und auch für seine Kinder gewünscht hat.

Der Engel sagt: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht.“ Das kennen wir zum Teil aus dem Weihnachtsevangelium von Lukas, das wir in ein paar Tagen hören werden. Auch den Hirten sagt der Engel: „Fürchtet euch nicht“. Hier mag das bedeuten: Hab keine Angst, anders zu sein. Du hast gut reden, könnte Josef sich nun denken. Du entschwindest gleich wieder in himmlische Sphären und ich muss zusehen, wie ich das den Spießern hier unten beibringe. Doch der Engel hat die Begründung für seinen Aufruf schon mitgeliefert. Er spricht Josef als Sohn Davids und damit auf seine Herkunft und seine Identität an. Darin liegt vielleicht auch das Versprechen, dass Gott Josef helfen wird, wie er auch David geholfen hat. „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns,“ hat Paulus dies ausgedrückt (Röm 8,31). Und in der Sprache Westfalens könnte man sagen: „Du bist dochn groten Kerl.“ Seltsam eigentlich, dass dieser Josef in den Krippen immer als alter Mann dargestellt wird.

Vielleicht können uns diese drei Gedanken auf dem Weg nach Weihnachten noch einmal helfen zu erkennen, worum es geht: Kinder annehmen und auch in widrigen Umständen überlegt handeln – wir haben die Zeit dazu; denn wir sind selbst Kinder Gottes.

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