Beängstigend mutig

Am 23. Januar: Gedenktag für Nikolaus Groß

Vor 15 Jahren seliggesprochen: Nikolaus Groß

 

Lebensgeschichten von Märtyrern sind ja an sich dazu da, einem Mut zum Glauben zu machen. Sie erzählen von tapferen Menschen, die in der Bedrängnis standhielten. Die meisten von ihnen lebten vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden, als die Zeiten noch ganz andere waren. So kann man sich durch den zeitlichen Abstand irgendwie beruhigt zurücklegen und sie in frommer Betrachtung bewundern.

Doch die Kirchengeschichte endete nicht vor 500 Jahren und so gibt es Gestalten, deren Lebensgeschichte einen eher erschreckt. Es ist nicht die Gestalt selbst, sondern die Situation, in der sie gelebt hat, die einen bedrängt, weil sie so nahe ist, weil sie so viel mit uns heute, mit einem selbst zu tun hat. Nikolaus Groß ist so einer. Katholik, KAB-Mann, Journalist und Märtyrer. Einer, der die heraufziehende Finsternis frühzeitig erkannt hat, als andere sie noch mit Licht verwechselten, der sich gewehrt hat, der geschrieben und gebangt und gehofft hat – und den sie doch am Ende fortgerissen hat.

Geboren wurde er 1898 in der Nähe von Essen, sein Vater war Zechenschmied. Er selbst besuchte ein paar Jahre die Schule, im Alter von 14 Jahren begann er zu arbeiten, wobei man eher malochen sagen müsste. Später arbeitete er auch unter Tage. Nebenbei bildete er sich persönlich weiter, trat zunächst der christlichen Bergarbeitergewerkschaft, dann der Zentrumspartei und einem Arbeiterverein, der heutigen KAB, bei. Das mag aus heutiger Sicht eine überraschende Kombination sein, aber damals passte sie. Die soziale Frage stellte sich zwischen den beiden Kriegen ganz neu und nach den Erfahrungen des Kulturkampfes war es für katholische Laien nicht ungewöhnlich, sich „in der Welt“ zu engagieren.

Groß übernahm zunächst in der Gewerkschaft, dann in der KAB Verantwortung, 1929 wurde er Chefredakteur der KAB-Zeitung. Inzwischen war er verheiratet und Vater von sieben Kindern. Schon Jahre vor der Machtergreifung hatte er sich klar positioniert: „Wir lehnen als katholische Arbeiter den Nationalsozialismus nicht nur aus politischen und wirschaftlichen Gründen, sondern entscheidend auch aus unserer religiösen und kulturellen Haltung entschieden und eindeutig ab“, schrieb er im September 1930. Obwohl er mit dem Attentat des 20. Juli 1944 nichts zu tun hatte, wurde er in dessen Zusammenhang verhaftet, vor den Volksgerichtshof gestellt und zum Tod verurteilt. Am 15. Januar 1945 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Vor 15 Jahren sprach Johannes Paul II. ihn selig.

Nikolaus Groß hat Dinge kommen sehen, öffentlich gemahnt und sie doch nicht aufhalten können. Das ist – angesichts der Nachrichten zum Beispiel aus Polen, Ungarn oder auch dem eigenen Land –frustrierend. Was sagt einem also solch ein Leben? Vielleicht dies: Wachsamkeit und eine gewisse Bereitschaft zur Hingabe sind nicht nur Sache einzelner. Und: Der Glaube, die persönliche Verbindung mit Gott, geben einem die Kraft dazu.

Claudia Auffenberg

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