„Ausdruck für menschliches Versagen“

Professor Dr. Berthold Wald über die Rolle der Montagsakademie der Theologischen Fakultät

Paderborn. Die Montagsakademie an der Theologischen Fakultät hat sich im Wintersemester mit dem Thema „Ende des Lebens – Sterben und Tod heute“ befasst. Am kommenden Montag findet die letzte Veranstaltung in diesem Semester statt. Für den DOM hat Andreas Wiedenhaus hat mit dem Leiter der öffentlichen Vorlesungsreihe, Dr. Berthold Wald (Foto), über Themen, Resonanz und die Rolle der Christen im öffentlichen Diskurs gesprochen.

DOM: Herr Professor Wald, wie erklären Sie sich die große Resonanz der Reihe?

Wald: Ein solches Echo ist bei diesem Thema gar nicht so verwunderlich. Denn Tod und Sterben gehen jeden Menschen an – ganz unabhängig von seinen individuellen Interessen, die er sonst noch hat. Hinzu kommt, dass Sterben nicht bloß unvermeidlich, sondern heute auch beeinflussbar ist. Das ist etwas völlig Neues. Früher ist man anders gestorben. Es gab zwar Beistand, aber die Möglichkeit, den Sterbeprozess zu verlängern, gab es nicht. Das hat dazu geführt, dass sich die Menschen – heute größtenteils aus Sorge – mit dem Thema Sterben befassen: medizinisch unter dem Eindruck sinnloser Lebensverlängerung und politisch mit der Frage nach „sinnvoller legitimer“ Lebensverkürzung. Dabei liegt der Fokus stärker auf der Beendigung als auf der Verlängerung des Lebens. Diese aktuellen Zusammenhänge erklären die große Resonanz.

Worauf legen Sie bei der Themenfindung Wert?

Wir wollen Themen aufgreifen, die möglichst viele Menschen bewegen – unabhängig von ihren sonstigen Überzeugungen. Die Reihe wendet sich nicht speziell an Katholiken oder Christen. Sie greift Themen auf, die die Menschen existenziell interessieren. Das ist natürlich eng verknüpft mit dem, was eine Theologische Fakultät dazu beitragen kann. Konkret heißt das, dass wir die Auswahl nicht thematisch begrenzen; es gibt keine Tabuthemen. Wir hatten vor einigen Jahren die Vorlesungsreihe zur Ambivalenz der Sexualität, die das Thema „Missbrauch“ aufgegriffen hat. Dabei ging es uns darum, die Perspektive zu weiten. Wir haben nicht einfach die bereits diskutierten Rezepte und Analysen übernommen, wie etwa die Forderung nach Abschaffung des Zölibats oder die Änderung der kirchlichen Sexualmoral. In der damaligen Vortragsreihe stand die Frage im Mittelpunkt, was Sexualität überhaupt ist: Ist sie ein Glücksbringer oder ist Sexualität in sich nicht auch ambivalent? Dazu kam die Frage, ob Herausforderungen nicht in jeder Lebensform existieren – in der ehelichen Treue genauso wie in der zölibatären Bindung. Sexualität als ein großes gesellschaftliches und existentielles Thema aus philosophisch-theologischer Perspektive zu betrachten, das war unser Anliegen.

Zur Auswahl der Themen muss es passende Referenten geben. Wie geschieht deren Auswahl?
Grundsatz der Reihe ist, dass sie von den Professoren der Theologischen Fakultät Paderborn getragen wird. Sie sind sozusagen die „geborenen“ Referenten, die je nach dem Fach, das sie vertreten, ihren Beitrag leisten. Ergänzt wird die Montagsakademie durch auswärtige Referenten, und das hauptsächlich unter zwei Gesichtspunkten: Zum einen, weil nicht alle relevanten Aspekte eines Themas durch eigene Fächer im Bereich von Theologie und Philosophie vertreten sind. Wir haben weder Mediziner noch Juristen und Ökonomen. Zum anderen laden wir ganz bewusst Experten ein, die das ergänzen, was vielleicht schon durch eigene Fächer abgedeckt ist.

Qualität ist ein Stichwort! Kommt sie heute im öffentlichen Diskurs zu kurz?

Problematisch ist bei solch komplexen Themen wie Sterben und Tod, dass sie speziell in den Medien – in erster Linie im „Fernsehen“ – häufig als Debatten inszeniert werden, die durch die Art ihrer Präsentation offenkundig auch politischen Interessen dienen. Die angestrebte Zuspitzung zeigt sich häufig schon in der Auswahl der Protagonisten - etwa bei der Gästeliste in einer Talk-
runde. Hinzu kommt, dass manches diskutiert, anderes aber übergangen wird. Das hängt sicherlich auch mit dem Medium „Fernsehen“ zusammen. Es will viele Menschen erreichen und muß darum komplexe Sachverhalte leicht verständlich vermitteln. Wegen der Konsumierbarkeit von Informationen wird aber auch vieles unzulässig vereinfacht oder gleich ganz weggelassen.

Mit Blick auf die politischen Entscheidungen: Werden Debattenbeiträge, die auf Differenzierung setzen, überhaupt noch wahrgenommen?

Politik braucht Mehrheiten. Damit Entscheidungen mehrheitsfähig werden, müssen sie auch medial vorbereitet sein. Ich war ziemlich entsetzt, als mir einer unserer Referenten, Professor Hillgruber, davon berichtete, wie die letzte Anhörung zu dem am 6. November 2015 verabschiedeten Gesetz zum assistierten Suizid verlaufen ist – nach dem gleichen Muster wie bei allen Anhörungen: Die unterschiedlichen Gruppen oder Fraktionen des Bundestags haben je nach Stimmenproporz das Recht, eine bestimmte Zahl Sachverständiger einzuladen. Diese Experten werden aber nicht ins Kreuzverhör genommen, sondern sie präsentieren jeweils die Position ihrer Auftraggeber. Ein wirklicher Austausch oder Lernprozess findet dabei nicht statt.

Letztlich also eine Inszenierung für das Publikum?

In gewissem Sinne schon: Es soll der Eindruck erweckt werden, dass nach der Anhörung von Experten eine fundierte Entscheidung getroffen werden kann. Aber die Expertenanhörung ist primär darauf ausgerichtet, die eigene Position zu zementieren.

Kommen christliche Positionen im gesellschaftlichen Austausch heute zu kurz?
So pauschal kann man das nicht sagen. Allerdings ist das Christentum zunehmend in die Rolle eines Anwalts von Vernunft und Moral geraten, die eigentlich dieser christlichen Schützenhilfe gar nicht bedürfen. Die Vernunft sollte an sich selbst in der Lage sein, ethische Fragen zu beantworten. Was Grundfragen der menschlichen Existenz betrifft, ist das zunehmend zur Aufgabe von Christen geworden. Die Christen treten heute vielfach als Anwalt der Vernunft auf, was sie in den Augen derjenigen, die andere Interessen oder Positionen vertreten, doppelt unangenehm und suspekt macht.

Christliche Positionen gelten aber schnell als rückwärtsgewandt; vor diesem Hintergrund ist die von Ihnen gerade beschriebene Rolle besonders schwierig.

Das stimmt. Christliche Intellektualität hat es heute nicht leicht: Sie vertritt quasi die Anderen mit als Anwalt der menschlichen Vernunft und sie vertritt sich selbst als christliche Position, die auf Glauben beruht.

Wissenschaftlicher Diskurs, gesellschaftliche Diskussionen, politische Entscheidungen: Wie wirkt das noch zusammen? Besteht nicht die Gefahr, dass gerade mit Blick auf ethische Fragen Wissenschaften wie die Theologie als nicht mehr relevant gelten?

Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, schließlich ist Wissenschaft „Expertenwissen“ und damit erst einmal auf einen kleinen Kreis beschränkt. Und genau da setzt die Montagsakademie an: Wir laden Fachleute ein, zu solchen Themen so zu sprechen, dass sie nicht nur ein akademisches Publikum erreichen. Der Bildungsauftrag geht da eindeutig über die Bildung unserer Studenten hinaus.

Muss man befürchten, dass angesichts der Technikgläubigkeit ethisch-moralische Fragen ins Hintertreffen geraten, weil sie dem Fortschritt im Weg stehen?

Eine solche Sichtweise wäre eine Verkürzung dessen, was Vernunft eigentlich leisten soll. Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Technisierung kommt den sogenannten menschlichen Fragen eine größere Bedeutung zu. Die damit zusammenhängenden Fragen sind allerdings schwieriger als diejenigen, bei denen es um rein technische Sachverhalte geht. Denn letztlich hängt von unseren ethischen und religiösen Überzeugungen ab, wie wir mit unserem technischen Können und unserem Wissen umgehen. Technische Lösungen sind aber keine tragfähigen Antworten auf viel grundlegendere Fragen und existentielle Probleme. Statt unsere Bedürfnisse etwa mit Blick auf die Klimaprobleme zu beherrschen, suchen wir auch hier nach einer Lösung auf technischer Ebene, die uns davon befreit, unser Verhalten in Frage zu stellen. Im Umgang mit Sterben und Tod heute stehen wir vor einer ähnlichen Herausforderung. Rein technische Lösungen wie der assistierte Suizid sind zugleich ein Ausdruck für menschliches Versagen.

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