Aus dem Dunkel in das Licht

Gedanken zu Joh9,1.6-9.13-17.34-38

Ein so genanntes "magisches Bild". Man muss "durchschauen" um zu erkennen, was zu sehen ist. In diesem Fall ein Schmetterling. Foto: Simon Praetorius

 

Lebendiger Umgang mit Jesus führt aus dem Dunkel in das Leben des Glaubens.

von Wolfgang Dembski

Warum gehen viele Menschen heute nicht mehr in die Kirche? Die Botschaft, die da verkündet wird, ist doch so großartig, so einmalig und für alle hilfreich. Und doch gehen viele lieber in ein Museum oder in ein Konzert – und besonders gern in ein Fußballstadion. Wer kann uns sagen, wo­ran das liegt? Vielleicht der Evangelist Johannes.

Er hatte nämlich ähnliche Probleme wie wir. Er war begeistert von dem, was Jesus verkündet und getan hat. Und darum wollte er es weitersagen. Aber die Ablehnung und der Widerstand waren groß. Außerdem gab es Unstimmigkeiten in den ersten Gemeinden. Auf die Frage „Wer ist Jesus und wie sollen wir seine Botschaft verstehen?“ gab es unterschiedliche Antworten, ja sogar Streit. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen erzählt Johannes im heutigen Evangelium von der Heilung eines Blinden.

Allerdings müssen wir uns, wenn wir Johannes verstehen wollen, auf seine Bilder- und Symbolsprache einlassen. So ist für ihn der blinde Mann nicht nur körperlich behindert. Der Blinde ist einer der vielen Menschen, die Jesus nicht sehen. Das heißt, sie sehen ihn schon, sie sehen einen außergewöhnlichen Menschen, einen Prediger, der mit großer Autorität auftritt und Wunder wirkt. Aber sie sehen nicht, wer er wirklich ist. Nicht einmal die Pharisäer, die ja sehr fromm und theologisch gebildet waren, erkennen ihn. Sie halten ihn sogar für gefährlich.

Der Blindgeborene hat Glück. Jesus öffnet ihm die Augen. Das heißt allerdings nicht, dass der Mann das, was er sieht, auch gleich versteht. Er braucht einige Zeit, bis er endlich voll durchblickt. Sein Glaube muss erst mal wachsen und Unsicherheiten überwinden. Dann aber wird ihm klar: Ja, jetzt sehe ich, wer Jesus ist: der Messias, der ersehnte Retter und Erlöser. Er ist derjenige, der uns aus dem Dunkel in das Licht führt, aus der todverfallenen Welt in das Reich der Wahrheit, des Lebens und der Liebe.

Könnte uns diese Erzählung des Johannes nicht helfen, auch unsere Situation zu deuten? Vielleicht leben auch wir unter blinden Menschen. Menschen, die trotz körperlich intakter Augen blind sind. Sie haben Jesus und seine Botschaft vor Augen und erkennen ihn doch nicht. Sie sind vielleicht religiös erzogen worden, sind zur Erstkommunion gegangen und haben Religionsunterricht gehabt. Aber sie haben Jesus nicht wirklich erkannt und deshalb aus den Augen verloren. Und auch für seine Kirche interessieren sie sich nicht mehr.

Woher kommt diese Blindheit? Ist es Oberflächlichkeit, Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit, weil es uns so gut geht? Haben etwa Enttäuschungen und schlechte Erfahrungen mit der Kirche die Sehfähigkeit geschwächt? Sind vielleicht in der Zeit der modernen Gottesfinsternis manche Glaubenszweifel so massiv, dass sie den Blick trüben? Vielleicht aber schauen manche weg, weil sie spüren, dass sie nach einer Begegnung mit Jesus ihr Leben verändern müssten.

Wer könnte diesen Blinden die Augen öffnen? Den Blindgeborenen hat Jesus persönlich geheilt. Wer kann das heute? Nun, diejenigen, die im Geiste Jesu leben. Menschen, die ganz tief davon überzeugt sind, dass Jesus das Licht für diese dunkle Welt ist. Dass er nicht nur ein liebevoller, frommer und charismatischer Mensch war, den man mit anderen vergleichen kann, sondern dass er unvergleichlich, ja einmalig ist; denn in ihm ist Gott selbst gegenwärtig. Wer Jesus sieht, sieht Gott.

So wahr aber diese Worte sind, als bloße Worte bleiben sie schwach. Überzeugen, die Augen öffnen, können nur diejenigen, denen selbst die Augen geöffnet wurden; Menschen, die mit Kopf und Herz begriffen haben, wer Jesus in Wahrheit ist; die sich von seiner Botschaft begeistern lassen und mit ihm im täglichen Leben verbunden sind.

Solche Menschen könnten auch wieder Licht in die zurzeit recht trübe kirchliche Stimmung bringen. Zwar werden sie es wohl nicht schaffen, die Kirchen wieder bis auf den letzten Platz zu füllen. Aber sie können Menschen zur Mitte unseres Glaubens führen und so eine neue Begegnung mit Jesus möglich machen. Und wenn besonders diejenigen, die Lebenssinn, Heilung und Trost suchen, ihn wieder vor Augen haben, ob sie dann nicht doch erkennen, wer er ist?

Der Autor war Pfarrer in Dortmund-­Brünninghausen.

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