Aufgefahren … wohin?

Eine naheliegende Frage zu Christi Himmelfahrt

So kann es einem gehen bei einer journalistischen Recherche: Man stellt eine scheinbar einfache Frage und nach wenigen Sekunden ist man von Herzen dankbar, dass das Diktiergerät mitläuft, weil man fasziniert das Mitschreiben vergessen hat. Die einfache Frage lautet: Wo ist der Himmel, in den Jesus aufgefahren ist? Oder in westfälischer Kurzfassung: „Wo isser hin?“

Der Himmel, ein Nicht-Ort. Foto: Fotolia

 

von Claudia Auffenberg

Veronika Hoffmann ist Professorin für Systematische Theologie an der Uni Siegen. Sie forscht auch über den Zweifel, bei ihr traut man sich daher zu fragen. Ihre erste Antwort: Die Frage sei zwar völlig berechtigt, aber völlig falsch. Achso …? Der Himmel nämlich sei kein Ort, auch kein unsichtbarer, sondern ein Nicht-Ort, sagt sie, sogar „der Nicht-Ort par excellence, den wir Gott zuschreiben, der sich mit unseren Ortsbegriffen nicht fassen lässt“.

Die Evangelien und die Apos­telgeschichte sind geschrieben für die zweite Generation der Christen, für die also, die Jesus nicht mehr persönlich erlebt haben. Und die nun Fragen stellen: „Wo ist er denn? Ihr habt gut reden, ihr wart mit ihm unterwegs in Galiläa, habt ihn gehört, gesehen, anfassen können, mit ihm gegessen, gefeiert, gelacht, getrauert – und wir? Wir sollen das alles glauben, nur weil ihr das erzählt?“ Wie kann dieser Generation die bleibende Gegenwart Jesu vermittelt werden? Indem klargestellt wird, dass diese Gegenwart nun anders ist als vorher. „Die Erscheinungserzählungen sind ja auch so konstruiert, dass die, die vorher jahrelang mit Jesus umhergezogen sind, ihn nicht wiedererkennen. Und die Geschichten erzählen, dass Jesus immer wieder verschwindet. Er bleibt nicht und zugleich ist er da.“ Der Vorsprung der Augenzeugen ist also nicht so groß wie vermutet.

Damals griffen die Erzähler der Bibel auf die Bilderwelt des Alten Testamentes zurück. Sie reden vom Himmel, von der Rechten Gottes, wo er nun sitzt, von einer Wolke, die ihn ihren Blicken entzog. Alles vertraute Motive, für die damaligen Menschen eindeutige Hinweise auf Gott. Nun hatten die damaligen Menschen die Aufklärung und das naturwissenschaftliche Denken noch vor sich, sie haben nie einen Raketenstart im Fernsehen gesehen und wussten nicht, wer Captain Kirk ist. Das geht uns Heutigen anders und so kollidieren zwei Bilderwelten miteinander, was gerade das Fest Christi Himmelfahrt der Lächerlichkeit Preis zu geben droht, vor allem, wenn man es auch noch darstellt: Fußabdrücke Jesu oder so. Dann wird es für den Menschen des 21. Jahrhunderts putzig, um es freundlich zu formulieren.

Aber was kann man nun feiern an Christi Himmelfahrt? „Wir feiern“, sagt Professorin Hoffmann, „dass dieser Jesus, der gestorben und auferstanden ist, der vorher in ganz menschlicher Weise bei seinen Jüngern war, nun zwar nicht mehr da ist, aber zugleich sein Versprechen einlöst, dass er bei uns bleibt.“ Das ist die Aussage der Evangelien, die übrigens nicht alle die Chronologie überliefern, die heute der liturgische Kalender mit einer gewissen inneren Logik bietet: erst Himmelfahrt, dann Pfingsten. Das Johannesevangelium erzählt, dass der Auferstandene selbst seine Jünger anhaucht und sie so den Heiligen Geist empfangen. Matthäus kennt solches überhaupt nicht, sein Evangelium endet mit dem großartigen Satz: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Das ist der Kern von Christi Himmelfahrt. Er ist gegenwärtig, aber nicht mehr wie ein Mensch, der immer nur an einem Ort sein kann, sondern wie Gott. Und er bleibt.

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