Alles beginnt im Herzen

Gedanken zu Mt 5,20-22a.27-28.33-34a.37

Foto: BreakingTheWalls / photocase.de

 

Wenn Jesus unser Herz bewohnt, wird von uns Gutes ausgehen.

von Msgr. Ullrich Auffenberg

Mord beginnt nicht erst da, wo ein Terrorist zur Kalaschnikow greift oder jemand einen Revolver zückt. In Erweiterung eines Textes von Bert Brecht möchte ich formulieren: „Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch rammen. Man kann einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, ihn in eine schlechte Wohnung stecken …“, ihn in der Dritten Welt verhungern oder als Flüchtling in Schlamm und Kälte erfrieren lassen.

„Es gibt viele Arten zu töten.“ Man kann einen Menschen in einen Herzinfarkt treiben, ihn beruflich fertigmachen, oder solange durch den Kakao ziehen, bis er jedes öffentliche Renommee verloren hat.

Man kann einen Menschen links liegen lassen, ihn boykottieren, ihn spüren lassen: Nur ich bin der Tüchtige, der Nützliche. Man kann ihn töten, indem man ihn kleinhält und demütigt.

„Es gibt viele Arten zu töten.“ Nur wenige davon sind in unserem Staat verboten. Die meisten Formen zu töten, geschehen lautlos, heimlich, stets mit sauberen Händen und gutem Gewissen.

Gegen all diese Weisen zu töten, erhebt Jesus im Evangelium dieses Sonntags seine Stimme in allerschärfster Form: „Wer Zorn gegen seinen Bruder hegt, der gehört vors Gericht.“ Wer also zu seinem Bruder sagt: Du Null, wer ihn auslöschen will wie eine Zahl, der verdient ein hartes Urteil. Verachtung und Kränkung sind in den Augen Jesu eine Form von Mord. Da wird nämlich auf der Seele eines Menschen herumgetrampelt, bis er nicht mehr atmen kann und leben will.

Nicht erst, wenn ein Land einem anderen den Krieg erklärt, liegt die Welt im Argen, sondern bereits dann, wenn im Herzen eines Menschen Feindseligkeit und Gehässigkeit einander begegnen. In diesen Zeilen der Bergpredigt, unserem Sonntagstext, ist Jesus überzeugt, dass wir die Zehn Gebote nicht leben werden – das fünfte ebenso wenig wie das sechste –, wenn wir nicht zuvor aufgeräumt haben in unserem Herzen. Das aber bedeutet, die Begegnung mit Jesus Christus im Zentrum der Person, also im Herzen, zu suchen. Dabei können Rituale helfen, z. B. morgens den Tag mit Gott zu beginnen und ihn abends mit ihm und einem Rückblick zu beschließen; sich Sabbatzeiten (= Unterbrechungen), also Augenblicke der Stille, Ruhe oder Meditation zu gönnen.

In unserem Land meinen sogenannte Patrioten Europas und andere Gruppierungen, sie müssten das christliche Abendland retten, indem sie andere Religionen bekämpfen, die Grenzen dichtmachen und sich in jeder Weise gegen Fremdartigkeit abschotten. Wie viel Ahnung haben sie von der Gründung des Abendlandes und seiner Urkunde, der Bibel und der Bergpredigt?

Das christliche Abendland retten Christen nur, wenn sie ihre Identität leben und sich auf ihren Gründer besinnen. Und der hat z. B. versprochen, dass er da sei, wenn sich die christliche Gemeinde einmal die Woche am Tag der Auferstehung trifft. Und dann könne Abrüstung in der Seele geschehen, eine solidarische und geschwisterliche Gemeinschaft entstehen, von der man wieder sagt: „Seht, wie sie ei­nander lieben.“ Wie anders ­sähe unsere Welt aus, wenn 50 Millionen Christen in Deutschland sich zu dieser Identität bekennen würden! Aber darauf kann ich als einzelner gläubiger Christ nicht warten, sondern nur beten. „Gib mir Kraft, Herr, schon heute bei mir aufzuräumen und dir im Herzen zu begegnen, damit deine Gegenwart unter uns Raum gewinnt.“

Zum Autor:Msgr. Ullrich Auffenberg ist Referent für spirituell-seelsorg­liche Bildung im Diözesan-­Caritasverband und Subsidiar im Pastoralen Raum Büren.

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