Advent – Zeit für ein neues Sehen

Gedanken zu Lk 21,25-28.34-36

Sorgt dafür, dass ihr nicht abstumpft, sondern lasst eure Aufmerksamkeit neu schärfen. Foto: Günther Haas, pixelio

 

Der Advent lädt dazu ein, unsere Wahrnehmung für „Gott und die Welt“ neu zu schärfen.

Es ist wieder so weit: Die Zeichen stehen auf Weihnachten! Schon seit Wochen finden sich in den Kaufhäusern Schokoladenweihnachtsmänner, Lebkuchen und Spekulatius. Die Weihnachtsmärkte haben eröffnet, Weihnachtslieder erklingen und die Lichter erstrahlen. Kurzum: Der Trubel der vorweihnachtlichen Zeit ist in vollem Gange!

Der eigentliche Advent – so scheint es zumindest – geht unter im Getriebe des Alltags, der in dieser Zeit noch einmal zusätzlich an Fahrt aufnimmt. Und da hinein heißt es im Evangelium: „Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren.“

Ein unbequemes und doch wahres Wort! Denn wie sehr stecken Menschen heute in den Sorgen des Alltags: der Job, der einen voll und ganz fordert; die Familie, die Zeit beansprucht; ehrenamtliches Engagement; der Anspruch, nur nichts zu verpassen und immer dabeizusein! All das zehrt an unseren Kräften, manchmal besetzt es uns!

Zu meiner Kinder- und Jugendzeit kamen noch relativ regelmäßig sogenannte Scherenschleifer an den Häusern vorbei. Sie boten an, Scheren und Messer zu schärfen. Ein Handwerk, das fast vollkommen verdrängt wurde durch die Tatsache, dass Abgenutztes weggeworfen und Neues gekauft wird. Aber jede Hausfrau weiß: am besten schneidet und schält das älteste, immer neu geschärfte Messer! Vielleicht darf ich auf diesem Hintergrund den eben zitierten Satz des Evangeliums etwas anders übersetzen: Sorgt dafür, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht abstumpfen.

Wie hinderlich ist ein stumpfes Messer in der Küche; wie furchtbar ist ein ab­ge­stumpf­ter, gefühlsloser Mensch! Aber genau da steckt eine große Gefahr unserer Zeit: dass wir abstumpfen gegenüber den vielen Bildern und Berichten von Krieg, Gewalt oder Flucht, die uns tagtäglich erreichen und berühren. Man kann sich schnell distanzieren mit dem Gedanken: Ich kann ja doch nichts tun! Wo kann ich schon helfen?

Wer in dieser Welt lebt, wer mit Menschen umgeht, wer die Realität um sich herum wahrnimmt, der steht in der Gefahr, abzustumpfen, wegzuschauen, die Achtsamkeit und die Sensibilität füreinander zu verlieren – schlicht und einfach unempfindlich zu werden. Und genau da setzt der Advent, setzt das Evangelium an: „Nehmt euch in Acht ...!“ – Achtet auf euch! – Stumpft nicht ab!

Der Advent ist eine Zeit, in der mein Geist, in der mein innerer Mensch von Neuem geschärft wird, in der ich neu Aufmerksamkeit und Achtsamkeit lerne und übe: im Blick auf mich selbst, auf meine Mitmenschen und auf Gott.

Vielleicht kann folgende Geschichte das verdeutlichen: Es war einmal ein Holzfäller, der bei einer Holzgesellschaft um Arbeit bat. Er bekam eine Axt und machte sich begeistert an die Arbeit. An einem einzigen Tag fällte er achtzehn Bäume. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte der Vorarbeiter. „Weiter so.“ So gelobt, beschloss der Holzfäller, das Ergebnis seiner Arbeit noch zu steigern. Am nächsten Morgen stand er vor allen anderen auf und ging in den Wald. Aber es gelang ihm nicht, mehr als fünfzehn Bäume zu fällen. Am nächsten Tag schaffte er nicht einmal die Hälfte. Zuletzt waren es nur noch zwei. Ängstlich erzählte er dem Vorarbeiter, was passiert war, und dass er doch geschuftet hatte bis zum Umfallen. Der Vorarbeiter fragte ihn: „Wann hast du denn deine Axt das letzte Mal geschärft?“ „Die Axt schärfen? Dazu hatte ich keine Zeit, ich war zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen.“

Pfr. Bernd Haase

Der Autor ist Dechant des Dekanates Büren-Delbrück und Leiter der Pastoralverbünde Delbrück und Hövelhof

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