Achtung, Achtung: Der Stammbaum Jesu

Über die Ordnung Gottes

Was für Lektoren die Pfingstlesung ist für viele Zelebranten das Evangelium des Heiligen Abends: der Stammbaum Jesu nach Matthäus. Ein schwer zu sprechender, meist unbekannter Name reiht sich an den anderen, dann noch ein gleichförmiger Satzbau. Da einigermaßen fehlerfrei durchzukommen, braucht schon Konzentration. Auch beim Zuhören.

Der Stammbaum Jesu birgt auch vier Frauen. Foto: Nordreisender / photocase

 

von Claudia Auffenberg

Denn dieser Text ist von höchster Bedeutung. Immerhin steht er am Anfang eines Evangeliums, und da stehen immer Texte, die das Ohr des Hörers öffnen und lenken wollen; Texte, die davon sprechen, worum es geht.

Matthäus also beginnt mit einem Stammbaum. Es ist keiner nach heutigem Verständnis. Er informiert nicht über die familiären Wurzeln Jesu, über seine biologischen Ahnen. Er ist eher eine Art Referenzliste und nennt die theologische Vorfahrenschaft Jesu. Wie auf einer Straße, die sich einen Berg hochschlängelt, führt Matthäus seine Leser durch die Generationen bis zum Gipfel, zu Jesus. Wenn der Text sich ihm nähert, verändern sich Rhythmus und Satzbau. Man wird wieder aufmerksamer und erfährt, um wen es im folgenden Text geht: um Jesus, den Sohn ­Abrahams, den Sohn Davids, den Christus, den Messias.

Das Matthäusevangelium ist entstanden mit Blick auf eine verunsicherte christlich-jüdische Gemeinde etwa im Jahr 80 n. Chr. Diese steckte in der Klemme: Ist dieser Jesus wirklich der verheißene Messias, fragten sich viele. Warum verzögert sich seine Wiederkunft so sehr? Zum anderen tat sich die Gemeinde anscheinend schwer im Umgang mit Heiden, also Nicht-Juden, also Fremden. Kann man sie aufnehmen? Sind denn nicht die Juden das auserwählte Volk? Die Antwort des Evangeliums lautet: Jesus ist der Messias! Und: Zum auserwählten Volk sind alle berufen, die an Christus glauben, nicht mehr nur die Juden.

Diese Botschaft vermittelt der Verfasser des Evangeliums auf erzählerische Weise: Da ist zum Beispiel Herodes, der König der Juden, der den Stern nicht sieht und nicht zu deuten weiß – im Gegensatz zu nichtjüdischen Weisen, die deswegen aus dem Morgenland anreisen. Und da sind im Stammbaum Jesu vier Frauen. Ihre Nennung ist an sich schon bemerkenswert, hinzukommt, dass sie Nichtjüdinnen sind: Tamar, Rahab, Ruth und Batseba. Und sie sind „gefährdete Frauen“ wie Bettina Eltrop vom Katholischen Bibelwerk sie nennt, weil sie außerhalb der Norm schwanger werden, Gott aber auf ihrer Seite haben. So wie Maria, die Mutter Jesu, des Christus, des Messias.

Die Ordnung Gottes – so könnte man die Botschaft vielleicht zusammenfassen – ist eine andere als die der Menschen bzw. der Mächtigen, weil sie nicht aus-, sondern einsortiert. Das ist nach 2 000 Jahren Menschheits- und Kirchengeschichte immer wieder eine provozierende Neuigkeit.

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