„... in 14 Tagen könnte auch ich dabei sein.“

Vor 75 Jahren wurden kranke und behinderte Menschen systematisch ermordet. Ein Fallbericht

Warstein. Mehr als 200 000 Menschen wurden zwischen 1939 und 1945 ermordet, weil sie psychisch krank oder behindert waren. Die Opfer galten den Nationalsozialisten als „unwertes Leben“. Gottfried Ellinghaus, Patient der Heilanstalt Warstein, war einer von ihnen. Verzweifelt suchte er Hilfe, um den Mördern zu entkommen. Ein durch Zufälle erhaltener Briefwechsel mit seinem Bruder dokumentiert den dramatischen und tragischen Kampf um das Leben von Gottfried Ellinghaus.

Gedenkstätte Treise-Kapelle. Foto: Flüter

 

von Karl-Martin Flüter

Ein Mensch in Todesangst: „Teile dir – der Brief geht durch den Anstaltspastor he­raus – schnell mit, dass ihr mich sofort aus der Anstalt herausholen müsst“, schreibt Gottfried Ellinghaus Anfang Juli 1941 seinem Bruder Willi. In gehetzten Sätzen geht es weiter: „Die Kranken werden in allernächster Zeit aus den Anstalten Deutschlands he­rausgeholt und, wie ich durch den Anstaltspfarrer erfahren habe, umgebracht. Aus der Warsteiner Anstalt sind auch schon 500 Mann abtransportiert worden. Hier ist die Hölle los ... Der Pastor sagt, in 14 Tagen könnte ich auch schon dabei sein.“

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Gottfried Ellinghaus ist 1941 Patient der Heilanstalt Warstein – eine der großen Kliniken für psychisch kranke Menschen, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im südöstlichen Westfalen entstanden sind. Die Heilanstalt liegt auf einem riesigen Areal mit eigenem Bauernhof und Werkstätten. Zwischen 1903 und 1905 sind die zahlreichen Gebäude auf dem idyllischen Gelände entstanden: ein vom Jugendstil geprägtes architektonisches Ensemble unter hohen Bäumen mit repräsentativen Bauten wie einem Festsaal und der Kirche. Die Heilanstalt ist katholisch ausgerichtet. Seit 1919 pflegen und betreuen auch Vincentinerinnen die Patienten. Von außen gesehen wirkt die Klinik 1941 nach fast zwei Jahren Krieg noch wie eine Gegenwelt, in der Kranke Ruhe und Zuwendung finden.

Doch der Schein trügt. Direkt nach der Machtergreifung haben die nationalsozialistischen Machthaber den beliebten Klinikleiter Dr. Ferdinand Heggemann aus dem Amt entfernt. Sein Nachfolger, Dr. Heinrich Petermann, ist Mitglied der NSDAP. Seitdem hat sich der Alltag auf dem Klinikgelände verändert. Bei den Festen und Umzügen, die auf dem Klinikgelände gefeiert werden, taucht seitdem immer die Hakenkreuzfahne auf.

Seit dem Oktober 1933 gilt das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Ärzte und Pflegepersonal sind verpflichtet, chronisch oder psychisch Kranke anzuzeigen. Auch Heinrich Petermann stellt Anträge auf Sterilisierung von „Erbkranken“ seiner Heilanstalt. 625 Patienten aus Warstein werden sterilisiert.

1940 verschickt das Reichsministerium des Inneren in Berlin Fragebögen an die Provinzialheilanstalten in Westfalen. Die Ärzte sollen die Patienten erfassen, die an bestimmten Erkrankungen leiden, nicht oder kaum arbeitsfähig sind, seit mindestens fünf Jahren stationär in einer Anstalt leben oder als „kriminelle Geisteskranke“ gelten.

Die Erfassung sei aus Fragen der Planwirtschaft notwendig, heißt es. Das ist eine blanke Lüge. In Wahrheit geht es da­rum, die Menschen festzustellen, die als „unwertes Leben“ getötet werden sollen. Einige Ärzte schöpfen Verdacht. Doch ihre Verzögerungsversuche scheitern. Bereits September 1940 werden 21 jüdische Patienten der Warsteiner Heilanstalt in den wahrscheinlich sicheren Tod abtransportiert.

Im Frühjahr 1941 erreicht auch die Warsteiner Heilanstalt eine Liste mit Patienten, die „verlegt“ werden sollten. Der Direktor Dr. Heinrich Petermann wird beauftragt, die Verlegungslisten für alle Provinzialheilanstalten zu überarbeiten. Arbeitsfähige Patienten oder Patienten, die an den Folgen einer Kriegsverwundung litten, können gestrichen werden. Seit sechs Monaten sterben in Grafeneck bei Reutlingen und Brandenburg an der Havel Tausende Menschen in Gaskammern. Die „Verlegungslisten“, die Petermann in Händen hält, sind weitere Todeslisten.

Auch Gottfried Ellinghaus ahnt Anfang Juli 1941, dass den Patienten, deren Namen sich auf den Listen finden, Schlimmes droht. Einige Tage zuvor, am 27. Juni, ist der erste große Transport mit 235 Patienten von Warstein verschickt worden. Danach herrscht in den idyllischen Gebäuden der Heilanstalt Panik, wie der Brief von Ellinghaus an seinen Bruder verrät.

Die Todesangst ist begründet. Der erste Transport von Ende Juni ist nur der Auftakt. Vom 11. Juli bis zum 14. August rollen neun weitere „Verlegungszüge“ mit Patienten vom Gleisanschluss der Heilanstalt. Die Wehrmacht braucht Pflegeplätze für verwundete Soldaten. Dafür müssen pychisch Kranke und Menschen mit Behinderung aus dem Weg geräumt werden. In den frei gewordenen Räumen entsteht ein Lazarett.

902 Menschen werden aus Warstein in die Anstalten Herborn, Weilmünster und Eichberg deportiert – Zwischenstationen vor der Verlegung in eines der sechs Tötungslager. Am nächsten zu Warstein liegt die Tötungsanstalt Hadamar in Nordhessen. Dort werden bis Ende August die meisten der aus Warstein deportierten Menschen ermordet. Nichts soll an sie erinnern. Es gibt keine Krankenakte. Die Leichen werden verbrannt. Gottfried Ellinghaus muss geahnt haben, dass er nur dann eine Chance zum Überleben hat, wenn er der Heilanstalt entkommt. Er macht sich keine Illusionen über sein Schicksal, sollten ihm die Angehörigen nicht helfen. „Uns Patienten hat man weisgemacht, wir kämen in andere Anstalten oder sonstwas, ist aber nicht wahr, werden erschossen oder sonst aus dem Leben befördert“, schreibt er in dem Brief an seinen Bruder Wilhelm Ellinghaus.

Den ganzen Text mit weiteren Hintergründen und Fotos finden Sie im Dom, Ausgabe 34, Seite 8 bis 11.

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