„Vergesst die Gastfreundschaft nicht!“

Die Gemeinde St. Bonifatius Dortmund-Mitte gewährte einer Familie im Sommer Kirchenasyl

Der erste Ausflug nach der Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) führte Zafaf Al Jishi, Hannah Yabroudim und Aeiham Al Jishi (von links) auf den Florianturm im Westfalenpark. Foto: privat

 

Dortmund. Angesichts der Vielzahl von Flüchtlingen wird immer wieder der Ruf nach Kirchenasyl laut. Die Gemeinde St. Bonifatius Dortmund-Mitte hat dies einer Familie über mehrere Monate gewährt. Viele Gemeindemitglieder engagierten sich. Zu dieser Gruppe gehört auch Gudula Frieling, die diesen Erfahrungsbericht verfasst hat.

„Der IS zerstört den Islam.“ – „Als Muslim bin ich dem Leben verpflichtet.“ – „Ich kann keine Waffen tragen. Als ich meinen Wehrdienst in der syrischen Armee leisten musste und wir trainieren mussten, auf ein Ziel zu schießen, zitterten meine Arme – ich konnte das nicht abstellen.“ – Worte wie diese fielen im Kirchen­asyl, das die Gemeinde St. Bonifatius in den Sommermonaten einer muslimischen Familie gewährte. Der 34-jährige Aeiham Al Jishi, seine Tante Zafaf Al Jishi (45), ihre fünf- und sechsjährigen Söhne Mohamed und Abdullah verbrachten dreieinhalb Monate im Gemeindehaus.

Die staatenlosen Palästinenser, die schon in der dritten Generation als Flüchtlinge in Damaskus wohnten, flohen im August 2014 und trafen nach einer dramatischen Flucht im Dezember 2014 in Deutschland ein. Am 3. März 2015 zerschellte ihre Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben in der Bundesrepublik an einem Entscheid des Verwaltungsgerichts Münster. Dieses befand, dass die Familie gemäß Dublin III nach Ungarn überführt werden müsse, wo sie bereits im November 2014 drei Tage lang inhaftiert worden waren und Fingerabdrücke hatten abliefern müssen. Die Bedingungen waren erschreckend: Rund 50 Personen in einem 30 Quadratmeter großen Raum, eine Toilettenschüssel mitten drin und Polizisten, die den Kindern drohten, sie würden sie umbringen, wenn sie nicht endlich zu weinen aufhörten.

Die Erinnerung an diese traumatischen Ereignisse mischten sich für Aeiham Al Jishi mit den Schreien der Folteropfer in Damaskus, die zu hören – während seiner dreimonatigen Haft – schlimmer gewesen waren als das Ertragen der Folter am eigenen Leib. Würden sie keinen Ausweg finden, dann müssten sie ein halbes Jahr lang unter so unwürdigen und schon allein aus hygienischen Gründen für die Kinder gefährlichen Bedingungen ausharren. Denn aus ungarischer Sicht haben sie sich der Straftat schuldig gemacht, nach Deutschland weitergereist zu sein.

Ein Anwalt warnte, dass die Polizei inzwischen immer häufiger unmittelbar abschiebe, das heißt ohne Ankündigung plötzlich vor der Tür stehe und die Betroffenen wenige Stunden später im Flieger säßen. In dieser Situation war ein Kirchenasyl die letzte Hoffnung. Über verschlungene Wege kam der Kontakt der inzwischen in Ibbenbüren wohnenden Familie zur Bonifatiusgemeinde zustande, die sich innerhalb weniger Tage für deren Aufnahme ins Kirchenasyl entschied.

Der anfangs eine Handvoll Menschen umfassende Helferkreis wuchs innerhalb weniger Tage auf rund dreißig Personen an. So konnten die Ankömmlinge etwa problemlos mit Lebensmitteln versorgt, die Kinder in Schule und Kindergarten angemeldet, Deutsch­unterricht für die Erwachsenen organisiert, ein Spendenkonto eingerichtet und ein Anwalt engagiert werden.

Für die erwachsenen Flüchtlinge bedeutete das Kirchen­asyl, dass sie das kirchliche Gelände nicht verlassen durften, die Kinder verließen das Gelände nur in Begleitung. So wurde das Gemeindehaus zu ihrem neuen Zuhause, in dem sie mit großer Herzlichkeit, Offenheit und Dankbarkeit die zahlreichen Helfer empfingen, und so zu einem neuen Treffpunkt innerhalb der Gemeinde wurden: Ein Ort, an dem palästinensisch-syrische und deutsche Geschichte zusammentrafen, Muslime und Christen sich austauschten und Alt und Jung sich begegnen konnten.

Es wurde viel gelacht, aber oft wurde es auch ernst, manchmal flossen Tränen. Wir spürten, wie eng scheinbar weit auseinanderliegende Länder miteinander verbunden sind, wie groß unsere Gemeinsamkeiten sind – so vieler grundverschiedener Erfahrungen zum Trotz.

Der Bürgerkrieg in Syrien blieb der dunkle Untergrund, zu viele Familienangehörige und Freunde sind dem dortigen Schrecken noch ausgeliefert. „Wie konnte es dazu kommen? Gibt es einen Ausweg?“, fragten wir unsere Gäste. Aeiham Al Jishi sieht nur einen: Nicht kämpfen, nicht töten, auf keiner der vielen Seiten! Weder für Assad, noch für die Freie syrische Armee, den IS, für die Amerikaner oder die Kurden oder sonst wen. Lieber die Ohnmacht aushalten, lieber selbst zum Opfer werden, lieber fliehen, als das Leben der anderen vor der Zeit zu beenden, die ihnen allein ihr Schöpfer zumisst. Das ist nicht feige, wie manch einer behauptet, der in einer der vielen Armeen kämpft.

Für die Al Jishis und alle, die ihnen geholfen haben, war am 21. August ein großer Freudentag: Sie erhielten eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis in Deutschland und damit ist alles anders, alles neu. Sie dürfen ihren Wohnort frei wählen, eine Arbeit suchen.

Und dennoch sagen sie: Selbst diese Nachricht, die so viel Last von ihnen abfallen lässt und ihnen nach so langem Warten endlich den lang ersehnten Neustart ermöglicht, ist nicht vergleichbar mit der Erleichterung, dem Gefühl des Neugeborenwerdens, das sie überkam, als sie am 2. Mai ins Kirchenasyl aufgenommen wurden.

Von einem Tag auf den anderen wandelte sich damals ihre Verzweiflung in neue Hoffnung. Es war der reale Schutz, den die Gemeinde vor der unmittelbar drohenden Überführung nach Ungarn bot, der sie damals aus Angst und Verzweiflung herausholte und Hoffnung schöpfen ließ.

Was dem von der Bergpredigt inspirierten Wunsch zu helfen entsprang, führte uns in ein spannendes Abenteuer, das die Grenzen unserer Gemeinde, unseres Glaubens weitete und so manche Vorstellungen von Krieg und Frieden veränderte. Aus Flüchtlingen und Menschen in Not wurden Freunde.

Syrien ist jetzt nicht mehr das ferne Land im Orient, sondern die Heimat unserer Freunde, in der sie Verwandte zurücklassen mussten, ein Land, dessen Schicksal mit dem unsrigen eng verwoben ist.

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