Gedanken zum Evangelium
Zeit zum Handeln
Unser Leben ist die Zeit, aus dem Hören des Wortes Gottes konkrete Taten abzuleiten. Darin sieht Schwester Maria Andrea Stratmann die Kernaussage des heutigen Evangeliums.
von Maria Andrea Stratmann
Typisch, reine Schwarz-Weiß-Malerei: hier die Reichen, die nichts taugen, dort die Armen, die Gottes Lieblinge sind! Die Beispielgeschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus könnte ein solches Denken nahelegen. Der Text lebt vom Kontrast der beiden „Gegenspieler“ und hebt so das jeweils Typische besonders hervor.
Der reiche Mann hat in seinem Erdenleben das Sagen gehabt, trägt kostbare Kleidung, „Purpur“, das den Königen gilt, und „feines Linnen“, ein Zeichen für Luxus. Er lebt in Saus und Braus, „herrlich und in Freuden“; denn das kann er sich leisten. Den Armen vor seiner Tür übersieht er, kümmert sich nicht um ihn.
Lazarus, der arme, mit Geschwüren übersäte Mann auf seiner Türschwelle, hat einen Namen, während der Reiche nur nach seiner Standeszugehörigkeit benannt wird. „Lazarus“ ist die griechische Form des hebräischen Namens Eleazar (= Gott hilft). Sein Name kennzeichnet ihn als einen Armen, der sich in allem ganz auf Gott verwiesen weiß. Er kann nichts vorweisen, wodurch er das Erbarmen Gottes „verdient“ hätte. Er hat sein Leben vor der Tür des Reichen gefristet, hungernd und krank, von Hunden belästigt. Vergeblich hoffte er auf Reste vom Tisch des Reichen.
Im Kontext des Lukasevangeliums verkörpert Lazarus einen Menschen, dem die Seligpreisung der Bergpredigt gilt: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lk 6,20). Den Reichen dagegen trifft der Wehruf: „Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.“ (Lk 6,24) Gewiss will Lukas hier nicht Reichtum an sich verteufeln. Ohne Hab und Gut könnte ja keiner dem anderen helfen. Aber Reichtum kann eine Sicherheit vortäuschen, die trügerisch ist, weil sie vergessen macht, dass wir alle letztlich auf Gottes Güte angewiesen sind.
Auf Erden steht der Reiche oben, während Lazarus ganz unten ist. Nach dem Tod beider ist die Situation umgekehrt. Lazarus wird von Engeln „in Abrahams Schoß getragen“ (Lk 16,22) und erhält einen Ehrenplatz an seiner Seite. Er darf teilnehmen am Festmahl im ewigen Leben, während nun der Reiche bedürftig ist. Er findet sich in der Unterwelt wieder, wo er höllische Qualen erleidet. In dieser Situation Lazarus im Schoß Abrahams zu erblicken, steigert noch seine Pein. Er bittet „Vater Abraham“, Lazarus möge ihm etwas Linderung verschaffen. So groß ist sein Elend, dass er von dem Hilfe erwartet, dem er selbst zu Lebzeiten jede Hilfe verweigert hat! Doch Abraham weist ihn auf das Lebensschicksal beider hin, das sich nach dem Tod umgekehrt hat.
Kommunikation zwischen Hüben und Drüben ist ausgeschlossen! Selbst wenn Lazarus wollte, er kann die Kluft zur Unterwelt nicht überbrücken. Der Tod hat die im Leben noch überbrückbare Kluft zwischen dem Armen und dem Reichen endgültig besiegelt. Fast bekommt man Mitleid mit dem Reichen. Er sieht die Aussichtslosigkeit seiner Lage und bittet für seine Brüder um Hilfe. Abrahams Antwort wird immer knapper. Wer auf Mose und die Propheten nicht hört, der wird auch unbeeindruckt bleiben, wenn ein Toter aufersteht. Vielleicht denkt Lukas an Erfahrungen in seiner Gemeinde, wo Menschen der Botschaft von der Auferstehung Jesu nicht glauben wollen.
Und wo ist unser Platz heute? Offensichtlich will Lukas sagen: Es gibt eine Zeit, das Wort Gottes ernst zu nehmen, eine Zeit, den Nächsten in seiner Not zu erkennen und ihm zu helfen, eine Zeit, sich an diese scheinbar märchenhafte Geschichte zu erinnern und zu handeln, bevor es zu spät ist.







