Gedanken zum Evangelium
Wo wohnt Jesus in unserer Welt?
Eine Kirche, die sich für die Menschen in Dienst genommen weiß, wird der Ort sein, wo Jesus zu finden ist.
von Manfred Pollmeier
Die Geschichte im Evangelium kommt mir sehr bekannt vor. Das kenne ich auch von mir. Ich stehe in einem Kaufhaus, schaue ziemlich ziellos herum. Und plötzlich fragt mich eine Verkäuferin: „Suchen Sie etwas? Kann ich Ihnen helfen?“ Meistens antworte ich dann: „Ach, ich möchte mich nur mal etwas umschauen.“ Aber eigentlich stimmt das nicht. Ich suche durchaus etwas, nur habe ich noch keine konkrete Vorstellung von dem, was ich suche.
Offensichtlich hatten die beiden Jünger auch nur eine vage Vorstellung von dem, was sie suchten. Auf Johannes den Täufer waren sie aufmerksam geworden. Seine Verkündigung von Umkehr und von der Zeit der Entscheidung war klar und eindeutig. Den beiden Jüngern war bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Doch Johannes bleibt ein Mann auf der Schwelle, ein Mann des Übergangs. Er verweist die beiden auf den anderen, auf den Größeren, auf Jesus, das Lamm Gottes.
Aller Anfang des religiösen Lebens ist das Suchen, das Fragen nach dem Sinn des Lebens. Nicht Johannes, sondern Jesus ist nun der, der die entscheidende Frage stellt: „Was wollt ihr von mir?“. Er drängt sich nicht auf, fragt zurück, appelliert an ihre Freiheit. Die beiden antworten, vielleicht einfach aus Verlegenheit, weil sie sich ertappt sehen: „Wo wohnst du?“ Sie haben Glück, denn er lädt sie ein: „Kommt und seht.“
Wo einer wohnt, wie einer wohnt, das lässt ein wenig erkennen, wer er ist. Wo wohnt Jesus in unserer Welt? Damals hatte er kein Zuhause, er war Wanderprediger, zog hierhin und dorthin. Wenn die Menschen ihn festhalten wollten, zog er weiter. Die Begegnung mit ihm war für viele heilsam. Sie konnten wieder aufatmen, wurden von der Last ihrer Schuld befreit, lernten den aufrechten Gang, wussten sich von Gott angenommen. Das Treten in seine Fußstapfen war kein christlicher „Standpunkt“, kein Stehenbleiben mit seinen Ansichten und Überzeugungen, sondern ein Weg, oft ein ungewisser Weg, wohl mit vielen anderen, aber auch mit Hindernissen, Missverständen und Widerständen.
Mir zeigt das heute mehr denn je die Situation der Kirche. Menschen sind gemeinsam auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und oft spüren sie, dass Jesus der Sinngeber hier in besonderer Weise zugegen ist. Da treffe ich Menschen in den Gemeinden, die ihre Türen öffnen für Bedürftige und Alleingelassene. Und ich sehe junge Menschen, wie bei der Sternsingeraktion, die nicht bei sich selbst stehen bleiben, sondern mit Freude und Liebe Zeit investieren, damit andere gut leben können.
Aber es gibt auch das andere in der Kirche. Die Gemeinschaft der Glaubenden ist nicht Selbstzweck, nie der Mittelpunkt. Ihr Recht, ihre Dogmatik, ihre Institutionen können auch Jesus verfehlen. Dann fragt die Kirche nicht mehr, was Menschen im Eigentlichen suchen und wo er wohnt. Dann versucht sie ihn einzusperren in ihre Grenzen, in ihr eigenes Menschenhaus.
Wo aber heilende Kräfte von ihr ausgehen, wo Menschen wieder aufatmen können, wo sie von ihrer Schuld und Last befreit werden, wo sie Orientierung für das Leben finden, da wohnt er mitten unter uns. „Suchen Sie etwas?“ Gut wenn wir den Menschen sagen können: „Komm in unsere Gemeinde. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch wir bemühen uns um seine Nähe und wissen ihn gegenwärtig in der Eucharistie und im Gebet, in der Gemeinschaft der Glaubenden und im Nächsten.







