Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Wo Liebe ist – da ist Vergebung

Msgr. Bernhard Schröder ist Präses des Collegium Bernardinum in Attendorn.

In der Haltung der Liebe und Dankbarkeit sieht Msgr. Bernhard Schröder die Voraussetzung für die Vergebung durch Gott. Das wird deutlich im heutigen Evangelium, das von der Begegnung Jesu mit der Sünderin erzählt. 

von Bernhard Schröder 

Drei Personen stellt uns das Evangelium vor: Jesus, der Pharisäer Simon und eine stadtbekannte Sünderin. Bei dem Pharisäer ist Jesus zum Essen eingeladen. Dabei war es üblich, dass der Blick nach draußen hin offen war; jeder Passant konnte beim Gastmahl zuschauen. Nichts Besonderes in Palästina in der damaligen Zeit. Da tritt nun die erwähnte allen bekannte Sünderin – ganz sicher eine Prostituierte – hinzu, um Jesus mit kostbarem Öl das Haupt zu salben. Doch bevor sie dazu kommt, tropfen ihre Tränen auf seine Füße. Die Frau trocknet sie mit ihrem Haar, wobei es sie nicht stört, dass die Auflösung des Haares in der Öffentlichkeit als ganz und gar unschicklich galt. Doch damit nicht genug: Sie küsst ihm die Füße und salbt diese unüblicherweise mit dem mitgebrachten Öl.

Nur zu gut kann ich mir vorstellen, wie entrüstet, ja fassungslos der Pharisäer Simon das ganze Geschehen verfolgt hat. Der Evangelist verrät die Gedanken des Gastgebers: Ja, wenn dieser Jesus aus Nazareth wirklich ein Prophet wäre – wie es immer heißt – wüsste er, was das für eine bei uns bekannte Sünderin ist, die sich ihm so auffallend genähert hat. Simon hält Jesus für vollkommen ahnungslos, ja blauäugig. Doch irrt er mit dieser Einschätzung: Jesus antwortet mit einem Gleichnis. Darin macht er deutlich, dass er sehr wohl darum weiß, dass diese Frau eine Sünderin ist. Allerdings sieht er in erster Linie nicht auf ihre Sünde und Schuld, sondern auf ihr Herz.

Diese Frau hat sich trotz all ihrer Schuld ganz offensichtlich ein gutes Herz bewahrt. Sie steht zu ihrer Schuld und weiß, dass sie der Vergebung bedarf. Alle diese Handlungen an Jesus zeigen nicht nur ihre Reue, ihre Hoffnung auf Vergebung und die Absicht, in Zukunft ein anderes Leben zu führen. Sie bekundet gleichzeitig eine intensive Dankbarkeit für die schon erfahrene Sündenvergebung.

Die Sünderin in diesem Evangelium weiß allein, wie groß die Last ihrer Schuld gewesen ist; sie weiß deshalb auch, wie viel ihr vergeben worden ist. Auf diese gottgeschenkte Begegnung antwortet sie mit einer tiefen, innigen Geste der Dankbarkeit und Liebe. Dies bestätigt Jesus dem Pharisäer Simon gegenüber und zeigt damit gleichzeitig, dass er wirklich ein Prophet ist: „ Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben worden, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat“ (Lk 7,47).

Dieses Evangelium fordert mich auf, mir klarzumachen, dass es immer wieder genügend Grund gibt, Gott in meinem Leben zu danken: für so vieles, für das, was ich täglich als selbstverständlich von Gott immer wieder annehme; für die Begegnung mit den unterschiedlichsten Menschen, die mein Leben auf verschiedene Weise bereichern; aber auch dafür, dass ich mich trotz aller Schuld und allem Versagen von Gottes vergebender Liebe angenommen und getragen weiß. Mein Glaube verkündet mir immer von neuem: Du darfst von der Vergebung Gottes leben. Und die Antwort auf dieses Geschenk sollte Dank und Liebe sein. Diese Liebe richtet sich an Gott, aber auch an die Menschen, denen ich begegne. Die Liebe Gottes, die ich bei jeder Vergebung wie ein kostbares Geschenk annehmen darf, soll mich dahin führen, sie auch anderen Menschen widerzuspiegeln, an sie weiterzuschenken und auch ihnen zu vergeben. Wo Liebe ist, da ist auch Vergebung – das hat die namenlose Frau im Evangelium ganz intensiv erfahren. Diese befreiende Erfahrung wünsche ich auch uns immer wieder als Geschenk von Gott. 

 


24.05.2012
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