Aktuelle Ausgabe
2012-20

In Bigge steht die einzige integrative Brauerei Deutschlands

Wo Behinderte Bier brauen

In der Josefs-Brauerei im sauerländischen Bigge ist alles ein bisschen anders. Zwölf Menschen arbeiten hier, acht von ihnen haben eine geistige oder körperliche Behinderung. Damit ist die Brauerei die einzige in Deutschland, in der Behinderte mitarbeiten.

Text: Birger Berbüsse (kna)

Fotos: Gerd Vieler (kna) 

Die Mittagspause ist vorbei. Slava Hoffmann sitzt wieder an seinem Platz. Dann kommen sie auch schon: Dicht an dicht laufen auf dem kleinen Fließband Glasflaschen an ihm vorbei. Der 37-Jährige mustert jede mit prüfendem Blick. Die meisten lässt er passieren, einige nimmt er heraus. Slava sucht nach Rissen, Verschmutzungen oder defekten Bügeln, bevor die Flaschen wieder mit Bier befüllt und ausgeliefert werden. So gründlich er seinen Job auch versieht – eine Maschine wäre sicherlich schneller; in den meisten Brauereien wird seine Arbeit am „Ausleuchter“ längst maschinell erledigt. Doch in der Josefs-Brauerei im sauerländischen Bigge ist alles ein bisschen anders. Sie ist die einzige Brauerei Deutschlands, in der Behinderte mitarbeiten.

Slava Hoffmann leidet an Kinderlähmung. Kurze Strecken kann er mit Krücken zurücklegen, bei mittleren und größeren Entfernungen ist er auf seinen Rollstuhl angewiesen. Eine normale Arbeit zu verrichten, ist für den schüchternen jungen Mann unmöglich. „Aber es war immer mein Ziel, eigenständig zu leben“, sagt er. Das hat er nun geschafft. In der Josefs-Brauerei bekommt er ein festes Gehalt und lebt ganz in der Nähe in seiner eigenen Wohnung. „Darauf bin ich sehr stolz“, sagt er mit festem Blick.

Und damit beschreibt er genau die Idee, die hinter dem inte-grativen Betrieb steckt. „Wir wollen Menschen mit Behinderungen einstellen, qualifizieren und vielleicht sogar weitervermitteln“, erklärt Brauereileiter Stefan Menge. Er weiß: Menschen mit Behinderung können anspruchsvolle Tätigkeiten ausüben, wenn sie entsprechend ausgebildet werden. „Und die Motivation und das Engagement unserer Mitarbeiter sind höher als in anderen Firmen“, ist sich Menge sicher.

Zwölf Menschen arbeiten in der Brauerei, acht von ihnen haben eine geistige oder körperliche Behinderung. Für sie ist die Tatsache, dass sie hier „ganz normal“ arbeiten können, etwas besonderes. Denn dabei erfahren sie, dass sie gebraucht werden. Das schafft Selbstvertrauen, erklärt Mario Polzer, der die Öffentlichkeitsarbeit für den Betrieb verantwortet. „Dazu kommt noch ein bedeutender Unterschied“, hebt der junge Mann hervor. „Anders als in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen erwirtschaften die Angestellten der Brauerei ihren Lohn selbst“, so Polzer über den im August 2000 gegründeten Integrationsbetrieb. Hervorgegangen ist er aus dem Josefsheim, einer Einrichtung zur schulischen, beruflichen und sozialen Rehabilitation von körper-, lern- und sinnesbehinderten Menschen.

Dazu gehört, dass sich der Betrieb in der freien Wirtschaft behaupten muss. „Das eine geht eben nicht ohne das andere“, sagt Polzer. „Der wirtschaftliche Erfolg ist die Voraussetzung für die Rehabilitation und Förderung.“ Und die Angebotspalette kann sich in der Tat sehen lassen: Neben den vier Josef-Biersorten Pils, Märzen, Keller- und Dunkelbier laufen unter der Marke „Josy“ auch nicht-alkoholische Getränke. „Unsere Abnehmer sind Krankenhäuser, Altenheime, Behindertenwerkstätten in ganz NRW, aber auch der Einzelhandel im weiteren Umkreis“, nennt Brauereileiter Menge das Verbreitungsgebiet.

600 Kisten produzieren seine zwölf Angestellten täglich in ihrer Schicht, insgesamt verlassen pro Jahr gut 10000 Hektoliter Bier und alkoholfreie Getränke die Brauerei. Mehr soll es auch nicht sein. „Wir könnten die ganze Anlage automatisieren und sie komplett nur mit zwei Mann fahren“, weiß Menge. Das wäre rein wirtschaftlich gedacht. „Doch bei uns steht das Soziale im Vordergrund.“

Davon profitiert hat auch Thorsten Erdmann. Er ist seit acht Jahren als Brauer in Bigge tätig. Gelernt hat der 44-Jährige noch in einem anderen Betrieb, im anschließenden Studium bekam er dann Depressionen und war lange in der Psychiatrie. „Ich habe einfach Glück gehabt, dass ich hierher gekommen bin“, gibt der ansonsten sehr verschlossene Mann Einblicke in sein Gefühlsleben. Ihm kommt es entgegen, dass er völlig selbstständig seiner Arbeit im Sudhaus und im Gärkeller nachgehen kann. Und das Klima im Betrieb sei ohnehin etwas besonderes: „Wir nehmen hier viel Rücksicht aufeinander“, so Erdmann.

Doch wie in jedem Betrieb kann es auch in der Josefs-Brauerei mal hektisch werden. Aber wie erklärt man einem behinderten Menschen, dass er etwas falsch gemacht hat? „Das war für mich anfangs schon etwas schwierig“, gibt Braumeister Thorsten Böger zu. Seit einem Jahr ist er für die Produktion verantwortlich. Zunächst habe er Fehler oder Nachlässigkeiten „runterspielen“ wollen, doch hin und wieder sei einfach mal ein „Anschiss“ fällig. Geschrien werde aber nicht, „und am Ende ist auch alles wieder gut“. Ohnehin gebe es in der Josefs-Brauerei nicht nur die Arbeit: „Wir gehen auch gemeinsam Essen und feiern mal zusammen.“

Für Böger ist das jetzt seine siebte Arbeitsstelle. Wie sehr ihn die Arbeit mit seinen behinderten Kollegen erfüllt, zeigt ein Blick auf seinen Auto-Tacho: Täglich fährt der Braumeister 70 Kilometer zur Arbeit und wieder zurück – „das würde ich nicht machen, wenn es mir nicht gefallen würde!

 

 


24.05.2012
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