Nach einem Herzstillstand liegt der 15-jährige David aus Hagen-Hohenlimburg im Koma
„Wir glauben, wir werden belohnt“
Hagen-Hohenlimburg. Das Unglück kam an einem Freitag im Januar 2007. David L. wurde in der großen Pause vor dem Chemieunterricht von Jugendlichen mit einer unbekannten flüssigen Lösung attackiert. Niemand weiß bis heute genau, welche Zusammensetzung die Flüssigkeit hatte. Eine Stunde später brach er an der Haltestelle vor der Schule zusammen. Herzstillstand lautete die Diagnose.
von Meinolf Steinhofer
Der Notarzt konnte ihn ins Leben zurückholen. Experten im Krankenhaus versetzten ihn zunächst in ein künstliches Koma, drei Wochen lang. Doch er blieb im Koma. Das änderte sich auch nicht, als er nach einer halbjährigen Rehabilitationsbehandlung in Hattingen wieder nach Hause kam. Bis heute ist David unfähig, sich zu bewegen.
Seitdem betreuen ihn die Eltern rund um die Uhr. „Mitarbeiter aus der Reha, die uns überhaupt nicht kennen, raten dazu, David in eine Fachklinik abzugeben“, sagt Vater Mieczyslaw. „Aber wir würden David nicht eine halbe Stunde alleine lassen“, betont er.
Mutter Violetta hat inzwischen ihren Arbeitsplatz aufgegeben, dennoch beginnt ihr Tag jeden Morgen gegen 5 Uhr. Das Frühstück kann David, so wie alle Mahlzeiten, nur püriert zu sich nehmen – nicht über den Mund, sondern mit Hilfe einer großen Spritze und einem speziellen Zugang direkt in den Magen.
Dann steht Waschen auf dem Programm. Davids Hände sind steif und verkrümmt, ein Spasmus. So ist er nicht in der Lage zu greifen. Waschlappen und Seife eben auch nicht. Den ganzen Tag über liegt er in einem Spezialbett und muss alle drei Stunden neu gelagert werden. Sonst würde er sich wund liegen. Das haben die Eltern im Griff. David hat keinen Dekubitus. Ein Zeichen guter Pflege.
Mehrmals in der Woche schauen professionelle Helfer herein. Eine Krankengymnastin und eine Logotherapeutin. Sie übt nicht das Sprechen, denn David ist nicht in der Lage, sich zu äußern. Die Logotherapeutin übt mit ihm das Schlucken. Dabei sind Fortschritte zu sehen. „Wir sind glücklich, dass er den Speichel in den Magen bekommt“, erzählt der Vater. Er gelangt nicht mehr, wie früher häufig, in die Lunge des Jungen. Und noch etwas zeigt diese Übung. David ist lernfähig. Das heißt, er bekommt mit, was seine Umwelt von ihm will. Sein Blick ist klar. Und besonders die Mutter hat gelernt, die winzig kleinen Signale ihres Sohnes zu deuten. Es ist ein intensives Zuhören und Hinschauen mit viel Raum für Interpretationen.
„Die Stundenzahl der Therapeuten ist begrenzt“, betont der Vater, „wir versuchen, von ihnen zu lernen und üben dann.“ Er ist Techniker und hat für seinen Sohn mittlerweile ein „Fahrrad“ gebaut, ein Gerät, mit dem er die Bein- und Handmuskeln trainiert. Inzwischen ist auch ein „Stehtisch“ entstanden, eine Vorrichtung, die den 15-Jährigen aufrichtet, sodass der Kreislauf und der Herzmuskel nicht verkümmern. Die Fürsorge beschäftigt die beiden Eltern vierundzwanzig Stunden am Tag. Auch alternativen Heilmethoden sind sie aufgeschlossen. So fanden sie im Rheinland eine Ordensschwester, die nicht die chinesische, sondern die eine spezielle koreanische Akupunktur anwendete.
„Das Schlucken, die Mimik und der Gesamtzustand Davids haben sich seitdem wirklich verbessert“, berichtet der Vater. Auch eine spezielle Hörtherapie hat er bereits angewendet. „Viele Wachkomapatienten verstehen alles und nehmen bestens wahr“, weiß er inzwischen.
„Und wir glauben, dass wir eines Tages belohnt werden“, schildert er seine Hoffnung. Auf diesem Weg hat die Familie nicht zuletzt der Besuch von Erzbischof Hans-Josef Becker bestärkt. David wurde gefirmt. In der Wohnung der Familie. Diese menschliche und seelsorgliche Geste, das Sakrament dort zu spenden, hat tief beeindruckt, den jungen David, seine Eltern und die Gemeinde.







