Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Wer ist größer?

Georg Kersting ist Pfarrer von St. Martin Bad Lippspringe und Leiter des Pastoralverbundes Bad Lippspringe-Schlangen.

Menschliche Größe zeigt sich auch darin, Hilfe von anderen annehmen zu können. 

von Georg Kersting 

Vor den Toren der Bischofsstadt Paderborn, die in diesen Tagen das Fest unseres Diözesanpatrons, des Heiligen Liborius, feiert, liegt der Kurort Bad Lippspringe mit der alten Pfarrkirche St. Martin. Hier zeigt im Chorraum eines der drei farbigen Fenster (Entwurf Walter Klocke, 1954) einen Krankenbesuch. Ein Bischof begegnet einem leidenden Menschen. Er schaut den Kranken freundlich an, spricht mit ihm und legt ihm eine Hand auf die Schulter. Er steht ihm bei. Nach einer Notiz aus dem 9. Jahrhundert (vgl. Roman Mensing, Martin von Tours, Seite 56) hat der bekannte fränkische Reichsheilige Martin von Tours Liborius, dem Bischof seiner nordwestlichen Nachbardiözese Le Mans, im Sterben beigestanden und dessen Begräbnis geleitet. Die freundschaftliche Beziehung, in der die beiden Bischöfe gestanden haben sollen, bewährt sich in der Todesstunde.

Wer ist größer? Das Kirchenfenster scheint eine eindeutige Sprache zu sprechen: Hochaufgerichtet steht der Heilige Martin am Krankenbett, ausgestattet mit seiner ihm verliehenen geistlichen Vollmacht und wendet sich dem Hilfsbedürftigen zu. Und Liborius? Gehört nicht auch Größe dazu, sich helfen zu lassen, sich einzugestehen: „Ich kann es nicht mehr selbst. Ich bin auf Hilfe angewiesen“? Nicht selten kommt es vor, dass Menschen, die für andere da waren, die sich caritativ engagierten, sich schwer, manchmal sogar sehr schwer damit tun, selbst Hilfe anzunehmen und sich die eigene Bedürftigkeit einzugestehen. Dann kann man zum Beispiel hören: „Ich geh nicht mit dem Rollator vor die Tür“ oder „Ich gehe nicht mit dem Stock. Was sollen denn die Leute denken?“ Liborius ist anders. Er nimmt die Hilfe an. Er lässt sich beistehen. Und vielleicht zeigt sich gerade darin seine Heiligkeit und Größe.

Liegt die Kirche in Deutschland, liegt die Kirche von Paderborn in diesen Umbruchs- und Krisenzeiten nicht auch wie der Heilige Liborius auf einem Krankenlager? Nicht sicher und aufrecht stehend, wie in früheren Zeiten, sondern von Schwäche gezeichnet und der Hilfe bedürftig. Auch dies ist eine Zeit des Heils und der Heiligkeit. Es ist Gnade und ein Geschenk von Gott, wenn Hilfe gegeben wird, die wieder aufhilft. Es ist aber auch eine Gnade, zu den eigenen Schwächen zu stehen und Hilfe von außen und innen anzunehmen. 

Um beides wollen wir den Heiligen Liborius um seine Fürsprache anrufen und selbst die Bereitschaft zeigen, Hilfe zu geben und Hilfe anzunehmen. Wie heißt es doch in der Bildumschrift: „Gehet hin und tuet desgleichen!“


24.05.2012
Impressum | Kontakt
4002