Gedanken zum Evangelium
Wer ist Jesus für mich?
von Pfarrer Michael Ortwald
An diesem Sonntag können sich wieder Millionen von Menschen ein Bild von der Schönheit verschiedener Denkmäler in Deutschland machen. Der Tag des offenen Denkmals bietet Anschauung und Erklärung zu Objekten, die weitgehend das Jahr über verschlossen bleiben müssen. Seit einigen Jahren beteiligt sich auch in unserem Pastoralverbund die historische Urbanuskirche an dieser Denkmalaktion. Insbesondere auswärtige Besucher können sich ein Bild machen vom historischen Bauwerk und seiner bemerkenswerten Geschichte. Bei unseren Führungen beantworten Mitglieder des historischen Arbeitskreises viele Fragen des interessierten Publikums.
Neben solch allgemeinen Fragen gibt es im Leben aber auch welche, die ganz anders gemeint sind: Stellst Du Dich zur Wahl? Willst Du mich heiraten? Eine Frage solcher Art ist die im heutigen Evangelium, die Jesus den Jüngern damals stellte: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“
Die Frage nach Gott ist so alt wie der Mensch. Zu unterschiedlichen Zeiten entwickeln die Menschen unterschiedliche Vorstellungen und Gottesbilder. Immer wieder wurde versucht, Gott ein Gesicht zu geben, seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Doch er übersteigt alle menschlichen Vorstellungen. Als jedoch einst die Zeit gekommen war, ist Gott Mensch geworden in Jesus von Nazareth. Er, der Christus, ist Gottes Angesicht auf Erden. Die Liebe Gottes wird Mensch und Christus steht mitten unter den Menschen, unerkannt, damals wie heute.
Er macht sich auf den Weg, den Auftrag seines Vaters zu erfüllen: er verkündet: das Reich Gottes ist nahe!
Die Menschen seiner Zeit sind jedoch mit einer Art Blindheit geschlagen, obwohl die Erwartung auf den bald kommenden Messias immens groß ist. So offenbart Gott auf dem Tabor einer ausgewählten Schar: „das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!“ (Mk 9,7)
Doch die Reaktion damals wie heute: nein, so kann es doch nicht sein! So kann doch der Messias nicht aussehen, Gott stell ich mir doch ganz anders vor.
Die Jüngerschar damals prägte eine ganz bestimmte Vorstellung, die in der Überlieferung gewachsen ist, wie Gott zu sein hat, wie er zu den Menschen kommt. Doch die Jünger damals mussten erfahren, ja durften erfahren: Gott ist immer ganz anders, als wir es uns denken! Kein Bild, keine Vorstellung kann ihn ganz erklären und beschreiben. Auch wir erkennen immer wieder, dass unsere Gottesbilder Stückwerk bleiben. Wenn schon die Jünger bei allen ihren Erfahrungen mit Jesus immer wieder neu lernen müssen, wer Jesus für sie ist und wie Gott für die Menschen ist, müssen auch wir uns der Frage stellen: wer ist Jesus für mich: Partner, Freund, Wegbegleiter, Heiland, Retter, Sohn Gottes?
Diese für unseren Glauben und die daraus sich ergebende Lebensgestaltung bedeutende Frage erschließt sich mir, wenn ich mich aufmache und gleichsam für Jesus gehe, auf die Menschen zu; wenn ich abgelehnt werde und merke, er ist meine Stärke, wenn ich aufgenommen werde und merke, er ist meine Freude; wenn einer sich mir anschließt und wir merken, er ist unser Weg; wenn jemand davonzieht und ich merke, er ist mein Trost.
Manchmal sagen wir in unübersichtlichen Lagen: „man macht sich kein Bild“. Das bedeutet, das Ausmaß der Situation ist so groß, dass ich es im Moment nicht fassen kann. Es ist herausfordernd, sich von Jesus ein Bild zu machen, zu erleben, wie Gott ist. Das Ausmaß seiner unergründlichen Liebe zu allen ist maßlos und nicht zu fassen.
„Wer ist Jesus für dich?“, fragte einmal einer. Jemand antwortete: „Einer, der für mich ist?“
Und heute ist Jesus für mich: mein offenes „Denkmal“.







