Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Wer Jesus kennenlernen will

Ludger Vornholz, Leiter des Pastoralverbundes Biggetal, Wenden

Loslassen, Liebe und Gehorsam sind jene drei Bedingungen, die Jesus nennt, um ihm nahe sein und nachfolgen zu können. So arbeitet Pfarrer Ludger Vornholz, Leiter des Pastoralverbundes Biggetal, aus dem Evangelium heraus.

von Ludger Vornholz

Es gibt Tage im Leben eines Menschen, da blickt man nicht mehr durch. Träume können von heute auf morgen zerbrechen. Das sind Augenblicke, in denen Menschen nach dem Sinn fragen.
Die Griechen, die Philippus nach Jesus fragen, wollen ihn wohl nur sehen, weil sie von ihm Erstaunliches gehört haben. Bei Begegnungen sind sicherlich Gespräche über Jesus geführt worden, die bei den genannten Griechen den Wunsch weckten, Jesus auch als Person näher kennenzulernen. Das anfänglich oberflächliche Interesse der Griechen führt Jesus im Folgenden weiter. Er gewährt ihnen Einblick in die Bedingungen, die zu einer wahren Begegnung mit ihm führen und offenbart somit gleichzeitig sein Wesen.
Als erste Bedingung erwähnt er die Notwendigkeit des Sterbens eines Weizenkorns. Dieses Gleichnis deutet das Loslassen als Bedingung für das Bewahren des Lebens. Was ein Mensch besitzt, das Finanzielle, seine Stellung in Beruf  und Gesellschaft bis hin zur Gesundheit, soll der Mensch als Leihgabe sehen. Auf diese Weise gewinnt er einen inneren Freiraum, in dem Platz für Gott geschaffen wird.
Der nächste Schritt, Jesus kennenzulernen, ist das Eintreten in seine Nachfolge. Wer sein Leben an den Worten und Taten des Gottessohnes ausrichtet, wird die Liebe als das innerste Wesen des Gottessohnes erkennen. Die Liebe Christi drängt zur Weitergabe an andere. Sie steigert sich bis hinauf in ihre schwerste zu lebende Form, in die Feindesliebe. Wer an diesem Punkt des Wesens Jesu angelangt ist, wird auch verstehen, warum der Gottessohn in der Stunde der Entscheidung die Frage stellt: „Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde?“ Christus beantwortet die von ihm gestellte Frage mit der nächsten Eigenschaft seines Wesens: dem Gehorsam dem Vater gegenüber. Einer, der Christus kennenlernen will, muss auch den Weg des  Gehorsams gegenüber Gott gehen. Wer sich ganz von Gott führen lässt, erfährt die Nähe zu Jesus. Die Person Jesu ist nur von seiner Hingabe und Liebe, sowie dem damit verbundenen Gehorsam dem Vater gegenüber zu verstehen. Die Hingabe ist die Bereitschaft, alles loszulassen, um Gott im eigenen Leben einen Platz zu geben. Die Liebe will immer das für den anderen Gute und dies erreicht sie durch die Annahme des göttlichen Willens (Gehorsam), der das wahrhaft Gute bewirkt. Loslassen, Liebe und Gehorsam sind somit die drei Bedingungen, um Jesus so sehen zu können, wie er wirklich ist. Diese drei Haltungen sind die Antwort auf den anfangs geäußerten Wunsch der Griechen: Herr, wir möchten Jesus sehen.
Viele Menschen möchten Antworten auf die Fragen ihres Lebens erhalten. Unsere Aufgabe als Gläubige ist es, die Menschen auf die Frage nach Gott, die eigentlich hinter ihren Fragen verborgen ist, aufmerksam zu machen.  Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist im Letzten eine Frage nach Gott und wie ich ihm begegnen kann. Sind wir in unseren Begegnungen in der Gemeinde aufmerksam genug dafür, dass hinter vielen oberflächlichen Fragen und Wünschen eine tiefere Sehnsucht verborgen liegt? Haben wir den Mut, in unserem Umfeld für die Begegnung mit Christus in der sonntäglichen Messfeier oder der eucharistischen Anbetung zu motivieren? Ein Gruppenleiter, der durch seine Mitfeier der Sonntagsmesse und sein Eintreten für Christus und die Kirche Menschen zu Jesus führt, gleicht Philippus und Andreas. Er führt andere zu Jesus, der in der Feier des Messopfers wesentlich als Hingabe und Liebe, die gespeist wird aus dem Gehorsam gegenüber dem Vater, erlebbar wird.


24.05.2012
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