Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Kampf ums Überleben im Senegal

Wenig Hoffnung im Einwanderungsland

Der Senegal steht im Mittelpunkt der diesjährigen Aktionen zum Monat der Weltmission von missio. Eine Delegation des katholischen Hilfswerks war vorab in dem westafrikanischen Land – und trifft Menschen, die ums Überleben in und gegen die Flucht aus ihrer Heimat kämpfen.

von Harald Oppitz (KNA)

Viele Mütter sind gekommen zum Treffen in einem staubigen Hinterhof in Dakar. Ihre jungen Kinder und Enkelkinder sitzen und spielen zu ihren Füßen, einige Großväter haben auf Plastikhockern unterm Wellblechdach Platz genommen. Die Frauen lachen miteinander, die Großväter stecken die Köpfe zusammen. Viele haben Sonntagskleidung angezogen – es geht bunt zu, und das Treiben der Kinder lässt die Versammlung fast wie ein kleines Stadtteilfest erscheinen. Doch etwas ist befremdlich: Es sind keine Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren dabei.

Das hat seinen Grund: Viele von ihnen haben versucht, den Senegal auf einem Boot zu verlassen, um eine neue Zukunft im vermeintlichen Paradies Europa zu finden. Und viele haben diesen Traum mit dem Leben bezahlt. Zur Versammlung geladen hat Yayi Bayam Diouf und ihre Organisation COFLEC, ein Zusammenschluss von Frauen gegen illegale Auswanderung aus dem Senegal.

Yayi Bayam Dioufs einziger Sohn wollte 2006 mit 80 anderen Emigranten auf die Kanaren fliehen. Doch die Männer ertranken. Nach einer Trauerzeit begann die heute 52-jährige Mutter, gegen die waghalsige Suche nach einem besseren Leben in Europa aktiv zu werden – und sie fand schnell Gleichgesinnte.

Gemeinsam mit Vertretern des kirchlichen Hilfswerks missio war die Fernsehjournalistin Gundula Gause im Juli zu Besuch, um sich über die Arbeit der Frauen zu informieren: „Migration ist eine der großen Herausforderungen für die ganze Welt – für den reichen Norden genauso wie für den ,armen‘ Süden.“ Grenzen zu sichern, sei kein Allheilmittel. Man müsse den verzweifelten Menschen Perspektiven geben. COFLEC beispielsweise möchte den Witwen mit Kleinkrediten den Aufbau einer neuen Existenz ermöglichen. Daneben versuchen die rund 400 im Verein organisierten Frauen, durch Aufklärung anderen Familien ähnliche Todesfälle zu ersparen.

„Bildung ist das Entscheidende“, betont Yayi Bayam Diouf. „Die Jugendlichen müssen eine Chance hier im Senegal bekommen. Und sie müssen verstehen lernen, dass Europa nicht mit offenen Armen auf sie wartet.“ Sie und ihre Mitstreiterinnen versuchen, Kinder in Schulen unterzubringen. Zwei von drei Senegalesen sind Analphabeten. Zwar gibt es eine staatliche Schulpflicht; aber viele Familien können sich Schulbücher oder -kleidung nicht leisten.

Mitglieder von COFLEC vermitteln Kinder zurückgelassener Familien an Privatschulen, meist in kirchlicher Trägerschaft. Die Frauen sorgen durch Hol- und Bringdienste auch dafür, dass die Kinder auch tatsächlich die Schulbank drücken. 20 Schüler haben allein im vergangenen Jahr die Grundschule so gut gemeistert, dass sie an einem Gymnasium angenommen wurden. Mit Kleinkrediten zum Aufbau kleiner Firmen, etwa im Obsthandel, versucht der Verein zudem, aktiv ein Zeichen zu setzen, damit vom Schicksal gebeutelte Menschen auch im Senegal eine Zukunft haben.

Der Senegal ist eines der ärmsten Länder der Welt. Auf dem sandigen Boden kann in der Hitze südlich der Sahara nicht viel wachsen. Erdnüsse und Mangos bleiben einziger Exportartikel. Industrie und Wirtschaft funktionieren schlecht und scheinen nur eine Bauruine neben der anderen in der Hauptstadt Dakar zu produzieren. Es gibt kaum Arbeit. Millionen Menschen leben in großer Armut. Viele Senegalesen ernähren sich von rund einem Euro am Tag – also nicht einmal 400 Euro im Jahr. Manchmal scheint es, als wären die internationalen Hilfswerke der Hauptarbeitgeber im Land. Eine trostlose Situation. 

Und doch ist der Senegal aufgrund seiner Lage und seiner sprichwörtlichen Gastfreundschaft, der „Teranga“, Magnet für Tausende von Menschen aus allen Ländern des schwarzen Kontinents.

Doch wie soll ein Land, dessen Teller leer sind, all die gestrandeten Menschen unterstützen? 1995 gründete Caritas deshalb in Dakar eine Anlaufstelle für Flüchtlinge und Migranten, den „Point d‘accueil pour réfugiés et immigrés“ – kurz PARI. Ihr Leiter Alois Sarr ist nicht gut zu sprechen auf die Regierungen im aufgeklärten Europa: „Es ist für die Europäer nicht damit getan, dass sie mit Frontex ihre Grenzen abdichten und gleichzeitig keine wirkliche Hilfe leisten.“ Die Europäer sollten sich mehr engagieren – und das nicht bei Prestigeobjekten: „Viele Gelder fließen in Projekte wie Denkmäler oder Opernhäuser – aber die Menschen auf der Straße finden keine Arbeit.“ Und so klopfen sie an die Türe von PARI. Ende der 90er Jahre waren es jährlich etwa 3000 Gestrandete, die betreut wurden, heute ist es noch gut die Hälfte. Die Caritas-Mitarbeiter versuchen, den Flüchtlingen zu Selbstständigkeit zu verhelfen. Mit Mikrokrediten sollen sie einen kleinen Handel betreiben können.

So wie für Sophie: Am Stadtrand der 2,5-Millionen-Metropole Dakar wohnt sie mit acht Familienmitgliedern in einem winzigen Zimmer in einem Wohnblock gerade noch so am Rande eines Slums – umgeben von Bauruinen und Autowracks. Küche und Toiletten sind auf dem Gang und werden mit zehn weiteren Familien geteilt. Jeden Morgen bereitet die 49-jährige Großmutter vor der Zimmertür auf einem Holzkohlegrill kleine Bonbons aus Dosenmilch zu, die sie an einer belebten Straßenecke verkauft. Gemeinsam mit ihrem Mann und den fünf Kindern war sie aus politischen Gründen aus dem Togo geflohen. Erst strandeten sie in der Elfenbeinküste, wurden dort aber nicht als Flüchtlinge anerkannt.

Hier im Senegal ist ihr Mann irgendwann einfach verschwunden – und die Söhne finden außer gelegentlichen Maurerarbeiten keinen Job. „Das Einzige, was ich will, ist, dass meine Kinder und Enkelkinder irgendwann hier rauskommen und ein besseres Leben haben“, wünscht sich die müde Frau: „Mit den paar Francs aus dem Bonbonverkauf kommen wir nicht aus – aber ohne das Geld säßen wir alle längst auf der Straße.“ Nachrichtenmoderatorin Gundula Gause sieht die Verantwortung auch bei uns in Europa: „Es ist absolut beeindruckend zu erleben, wie der Senegal – eines der ärmsten Länder der Welt – Flüchtlinge aufnimmt. Meist stranden diese aber unter katastrophalen Lebensumständen in einer der vielen Slumgegenden. Wir dürfen davor nicht die Augen verschließen.“

Sophies Sohn Felix war mit seiner Frau und zwei Kindern schon einmal ausgezogen, versuchte, sich eine Existenz aufzubauen – und musste das eigene Zuhause doch wieder aufgeben. Er würde gerne als T-Shirt-Maler seinen Unterhalt verdienen. Aber für seine kunstvollen Unikate fehlt den Menschen seiner Umgebung das Geld. Und so wartet er auf den nächsten Tagesjob auf einer Baustelle. Es scheint, als habe er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit 32 Jahren bereits aufgegeben.


24.05.2012
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