Die strahlende Reaktorruine ist heute ein Touristenmagnet
„Welcome in Chernobyl“
Vor 25 Jahren kam es im ukrainischen Tschernobyl zur Reaktorkatastrophe – seit diesem Jahr ist die Sperrzone rund um das Atomkraftwerk offiziell für den Tourismus geöffnet, Besucher aus aller Welt können die Folgen des atomaren Super-GAUs vor Ort nachvollziehen. Doch zum Umdenken regt ein Besuch wohl kaum an.
Text und Fotos: Katharina Ebel (KNA)
Es ist das perfekte Ausflugswetter: blauer Himmel, 15 Grad, die Sonne lacht. Ein verliebtes Pärchen strahlt aneinandergeschmiegt in die Kamera. „Welcome in Chernobyl“, begrüßt Juri Tatarchuk gut gelaunt die Gäste. Der Fremdenführer trägt Armeestiefel, eine dunkle Sonnenbrille und Tarnuniform. Die richtige Ausrüstung für eine Extremtour – die Stadtführung durch Tschernobyl.
Seit diesem Jahr ist die Sperrzone rund um den vor 25 Jahren havarierten Reaktor 4 offiziell für den Tourismus geöffnet; Besucher aus aller Welt können die Folgen des atomaren Super-GAUs vor Ort nachvollziehen. Bis auf etwa 300 Meter werden die Neugierigen an die Kraftwerksruine herangelassen. Im Dezember 2010 hat das ukrainische Katastrophenschutzministerium dies möglich gemacht – als eine Attraktion im Begleitprogramm zur Fußball-Europameisterschaft 2012.
„Hey, cooles T-Shirt“, bewundert einer der 14 Touristen Juris „Hard Rock Cafe“-Hemd mit der Aufschrift: „Save the Planet – Chernobyl!“ Auf dem Rücken lockt ein makabrer „Menüvorschlag“ mit unappetitlichen Zutaten wie Uran, Plutonium, Strontium und Cäsium. Jeder Teilnehmer muss bei dem Guide eine Liste unterschreiben. Damit erklärt er sich bereit, keine Souvenirs mitzunehmen, keine Kamera auf den verseuchten Boden zu platzieren und, ganz wichtig: von Ansprüchen gegen den Veranstalter abzusehen.
Juri bittet die Gruppe in ein Büro, gibt einen schnellen Überblick über die „Todeszone“, kontaminierte Gebiete und evakuierte Städte. „Rechts sehen Sie das alte Kulturzentrum von Tschernobyl, links wird irgendein Platz der Erinnerung errichtet.“ Er klingt gleichgültig.
Das einstige Kulturzentrum ist heute eine Kantine für Arbeiter und Wissenschaftler. Eine grüne Digitalanzeige informiert ständig über die Strahlenwerte der umliegenden Ortschaften. Rund 3800 Physiker, Ingenieure und Bauarbeiter arbeiten noch innerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone. Seit dem Unglück am 26. April 1986 überwachen sie die stillgelegten Reaktorblöcke und kontrollieren den Beton-Sarkophag, der den noch immer strahlenden Meiler umgibt und der längst rissig geworden ist.
Nur 15 Tage im Monat dürfen sie in der kontaminierten Zone arbeiten, dann müssen sie raus, um sich zu erholen. Das gilt auch für die Touristenführer. Doch Juri ist schon seit fast einem Monat in der „Zone“. Ob er sich regelmäßig ärztlich untersuchen lässt? „Jeder muss das doch einmal jährlich. Das ist völlig normal“, antwortet er barsch. Er will nicht weiter darüber sprechen. Der Bus erreicht seinen ersten Fotostopp. Auf einem Sportplatz stehen alte Militärfahrzeuge. Mit ihnen fuhren die sogenannten Liquidatoren nach dem Super-GAU zum Reaktor, um aufzuräumen. Die Dosimeter piepsen, die Zahlen auf der Anzeige des Geräts schnellen in die Höhe. Juri lässt eine frotzelnde Bemerkung vom Stapel. Für ihn ist die Gefahr längst Geschichte.
„Langsam dringt es zu mir durch, dass hier wirklich niemand lebt“, meint Mike, der die Tour gebucht hat. Der Bus rauscht durch die Tristesse der verlassenen Gegend zum nächsten Besichtigungspunkt. Rechts und links Hügel mit gelben Flaggen. Sie stehen für verstrahlte Häuser, die vorsorglich zerstört und unter einer Schicht Erde begraben wurden. Die Erkenntnis, dass dadurch Radioaktivität direkt ins Grundwasser gelangte, kam zu spät.
Juri stapft durchs Unterholz auf einen ehemaligen Kindergarten zu. Eine verkohlte Puppe mit strubbeligem Haar lächelt von einem Bettchen aus die Besucher an. Ein Mädchen muss sie bei der Evakuierung vor 25 Jahren zurückgelassen haben. Überall auf der Erde liegen verstreute Schuhe, Kinderbücher und Stofftiere – Relikte eines überstürzten Aufbruchs.
Nach einem weiteren Checkpoint ist der Reaktor in Sichtweite. Die Gruppe steigt aus, Kameras klicken. Einer spielt Luftgitarre mit dem Sarkophag im Hintergrund: Ob Eiffelturm, Colosseum oder Reaktor Nummer 4 – die Kulisse erscheint austauschbar. Das explodierte AKW als Sehenswürdigkeit zum Abhaken fürs Fotoalbum.
„Ich habe mir lange überlegt, ob ich die Tour machen soll. Schließlich hat die Neugierde gesiegt“, meint eine deutsche Studentin. Andere scherzen: „Wir hatten die Wahl zwischen Kalaschnikow-Schießen und Reaktor.“ Das mit dem Schnellfeuergewehr kannten sie schon.
Am „Red Forest“ wartet ein weiterer Höhepunkt. Schon im Auto klettert die Anzeige des Geigerzählers in die Höhe. „Aussteigen können wir hier nicht“, mahnt Juri. Hier neben dem Kraftwerk kamen die strahlungsstärksten radioaktiven Partikel herunter. Die Bäume verfärbten sich rot und starben ab. Heute soll es wieder viele Tiere geben. Mit Mutationen? „Kann sein. Aber die Natur regelt das von allein“, wiegelt der Führer ab.
Einsam liegt die Lenin-Allee der Geisterstadt Pripjat da. Als der nur wenige Kilometer entfernte Reaktor mitten in der Nacht explodierte, schliefen die meisten der fast 50000 Bewohner. Von der Gefahr ahnten sie nichts. Erst 36 Stunden nach der Reaktor-Katastrophe wurde Pripjat evakuiert. Dass der Abschied für immer sein würde, wusste da noch niemand.
Aus einem Meer aus Gasmasken auf dem Boden der Kantine des Kulturpalastes ragt ein Puppenarm. Im zweiten Stockwerk wandeln die Besucher auf einem Teppich aus eilig zurückgelassenen Büchern. Ein kleiner Teddy streckt den Besuchern zwei Kleeblätter entgegen, als wünschte er Glück. „Irgendwie wirkt das alles inszeniert“, runzelt die Studentin die Stirn. Michael aus den USA ist enttäuscht, weil die Zerstörungen nicht von der Explosion herrühren. In der Sonne glänzen die gelben Gondeln eines Riesenrads, das niemals eröffnet wurde.
„Es ist eine Attraktion, aber zum Nachdenken regt die Tour nicht an“, finden die beiden kanadischen Menschenrechtsanwälte Stephanie und Anatoly. Eine Gefahr, die nicht zu sehen und zu fühlen ist, macht eben wenig Eindruck. Daran können auch die tödliche Stille, die verfallenen Häuser und das mahnend piepsende Messgerät nichts ändern.
Weihbischof Stanislaw Szyrokoradiuk, der von Kiew aus Erholungsaufenthalte für verstrahlte Tschernobyl-Kinder organisiert, spricht von Katastrophentourismus. Und macht keinen Hehl daraus, was er davon hält: „Das ist schlicht Geldmacherei, die nicht zum Umdenken führen wird.“







