Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Welche Einheit wollen wir denn?

Prof. Dr. theol. habil. Wolfgang Thönissen, Professor der Ökumenischen Theologie an der Theologischen Fakultät Paderborn, Leitender Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik.

Die Bitte Jesu um Einheit der ihm Nachfolgenden stellt Wolfgang Thönissen vom Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in die Mitte seiner Evangeliumsbetrachtung. Er sieht die getrennte Christenheit auf einem guten Weg der Ökumene.

von Wolfgang Thönissen 

Alle sollen eins sein! Jesu Bitte um die Einheit der Glaubenden, wie sie uns Johannes in seinem Evangelium im Rahmen der sogenannten Abschiedsrede überliefert, ist höchst bemerkenswert: Es soll eine Einheit der Glaubenden sein wie sie zwischen ihm und dem Vater besteht. Die Hoffnung auf die Einheit aller Glaubenden hat ihre Quelle in der Einheit Gottes des Vaters und des Sohnes. Die zwischen Jesus und dem Vater bestehende Einheit ist Urbild für die Einheit der Glaubenden untereinander. Das Entscheidende hieran ist nun die Zielbestimmung: an der Einheit der Glaubenden untereinander soll die Welt letztlich Gott selbst erkennen. Das will Jesus den Jüngern sagen: Die Welt erkennt ihn als den von Gott Gesandten erst dann, wenn die an ihn Glaubenden untereinander geeint sind. Dieses feierliche Gebet Jesu soll also der christlichen Gemeinde zeigen, worauf es ihr ankommen muss: die Einheit ist ihr ein hohes Gut, weil es um Gott selbst geht. Mit der Einheit der Glaubenden hängt ihre Glaubwürdigkeit zusammen. Streit und Uneinigkeit unter den Glaubenden macht auch ihre Botschaft unglaubwürdig. Welche Wegweisung empfangen wir heute aus diesem Gedanken des Johannes? 

Gott will die Kirche, weil er diese Einheit der Glaubenden will, schrieb Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Ut unum sint“ von 1995, das ist der lateinische Ausdruck für die Bitte Jesu „Alle sollen eins sein“. Das muss man so verstehen: Jesus Christus hat seine Kirche gegründet, wie wir heute sagen, als die eine und einzige. Sie muss eins sein, sonst ist sie nicht die Kirche Jesu Christi. Das heißt: Diese Kirche Jesu Christi und ihre Einheit ist ein Geschenk Jesu. Diese Einheit existiert, und sie ist in der katholischen Kirche verwirklicht. Diese von Gott kommende Einheit ist aber auch das endgültige Ziel der ökumenischen Bewegung. So hat das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) die Bitte um die Einheit mit den modernen ökumenischen Erfahrungen der Christen im zwanzigsten Jahrhundert zusammengebracht.

Eine der Hauptaufgaben sieht dieses Zweite Vatikanische Konzil darin, die Einheit unter den Christen, die in den vergangenen Jahrhunderten verloren gegangen war, wiederherzustellen. Mit dieser programmatischen Zielsetzung schlägt das Konzil selbst eine neue Seite in der Geschichte der Kirche auf. Das Ökumenismus-Dekret vom 21. November 1964 stellt deshalb bis heute das zentrale Dokument aller Bemühungen der katholischen Kirche um die Suche nach der Einheit unter den Christen dar. Wie lässt sich die Einheit unter den Christen wiederherstellen? Durch den geduldigen theologischen Dialog unter den Christen, der sich darum bemüht, die theologischen Differenzen unter den Christen aufzuarbeiten; durch das gemeinsame Gebet um die Einheit der Christen, sie ist die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung, schließlich durch das gemeinsame Feiern am Tisch des Herrn. Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, ist die Christenheit auf einem guten Weg, dieser von Gott gegebenen Einheit auch sichtbar neu Ausdruck zu geben. Aber sie hat noch nicht alle Differenzen untereinander überwunden. Soweit es auf uns Christen ankommt, bleibt dies die Hauptaufgabe für die Zukunft. Erst dann können wir auch untereinander Eucharistie feiern. 


24.05.2012
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