Gedanken zum Evangelium
Weder scheinheilig noch angepasst
Christsein ist ein dauernder Prozess, in dem wir immer mehr das werden sollen, was wir sind: Christ!
von Georg Austen
„Kauf ein, wenn Mutti in die Kirche geht!“ Aus Sicht von Shell und Spar sollte ihre jüngst gestartete Werbekampagne „pfiffig“ sein. Eine alte Frau mit Buckel auf dem Weg zur Kirche wurde als Werbegag dargestellt. Zahlreiche Proteste haben inzwischen dafür gesorgt, dass diese Werbung zurückgezogen wurde, weil sie alle Frauen diskriminiert, die sich in Kirche und Gesellschaft engagieren. Ebenso wurden Millionen Christen, die sich sonntags bewusst auf den Weg zur Kirche machen, ins Lächerliche gezogen, ganz zu schweigen von Schutz und Werthaftigkeit des Sonntags.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der es längst nicht mehr selbstverständlich ist, an Gott zu glauben oder getauft zu sein. In den östlichen Bundesländern, die gerade durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken solidarisch unterstützt werden, liegt der Anteil der Christen bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Auch in anderen deutschen Großstädten sind Christen inzwischen in einer Minderheitensituation, beispielsweise in München inzwischen unter 50 Prozent.
Und: Wenn wir ehrlich sind, waren viele in unserem Land noch niemals so reich, aber auch noch nie so habgierig. Viele waren noch niemals so satt wie heute, aber auch noch nie so unersättlich und übersättigt. Viele hatten noch niemals so schöne Häuser und Kirchen. Und viele waren noch nie so versichert und trotzdem so verunsichert wie heute. Viele hatten noch niemals so viel Zeit wie heute und sind gleichzeitig in ständiger Hetze. Wir sind so hoch entwickelt und dennoch in so vielen Punkten am Ende. Auch unsere Kirche wirkt in ihrer Entwicklung nicht selten ermattet und ratlos.
Diese Momentaufnahme will nicht klagen, wohl aber mahnen. So wie wir im Römerbrief ermahnt werden: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist.“ Der Apostel Paulus beschreibt hier das Handeln des Christen als „Ausdruck jenes neuen Lebens, jener echten Liebe, Freude, Freiheit, die Christus uns geschenkt hat“ (Chiara Lubich).
Der Geist Gottes will uns verändern. Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern lasst euch verändern durch die Erneuerung eures Sinnes! Der Sinn hat ein umfassendes Bedeutungsspektrum. Er enthält Verstand, Vernunft, Gedanken, Meinungen, Urteilsvermögen und Überzeugung. Es geht um unsere Verstandestätigkeit und Gefühle, nicht in erster Linie darum, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Es geht darum, dass unser Denken eine andere Form als das Denken der „Welt“ haben soll. Entscheidend ist, welche inneren Überzeugungen ich habe und nach welchen Zielen ich mich ausrichte. Weder Scheinheiligkeit noch Anpassung sind gefordert. Christus geht es nicht um Verbesserung, sondern um Erneuerung! Als Christen sollen wir nicht der Welt, sondern Gott gleichen. Er setzt Maßstäbe, die nicht den von der Sünde geprägten menschlichen Maßstäben gleichen.
„Christen sind Menschen, die sich zu einem Ist ein besseres Soll vorstellen können. Das ist nichts für Ängstliche und Selbstgenügsame, die sich mit dem Zweitbesten und dem Vorläufigen abfinden. Wer betet, betet zu dem, den es auch stört, dass wir unser gemütliches Ist über ein besseres Soll stellen.“ (Siegfried Buchholz)
Freilich erkennen wir auch, dass wir trotzdem Menschen mit Grenzen bleiben. Es kann sein, dass wir etwas als Gottes Willen erkennen, aber es nicht verstehen. Dann ist Vertrauen gefragt, denn die Einsicht in Gottes Wesen werden wir erst haben, wenn wir bei ihm sind und eine vollkommene Gemeinschaft mit ihm erfahren.







