Gedanken zum Evangelium
Was ist wesentlich im Leben?
Die Frage nach dem, was wesentlich ist, thematisiert Christina Gäbel auf dem Hintergrund des heutigen Sonntagsevangeliums und der konkreten Lebenswirklichkeit.
von Christina Gäbel
Erinnern Sie sich noch an ihren letzten Umzug? Oder an den Ihrer Kinder oder auch Enkelkinder? Hektik, Stress, Einkäufe, damit alle satt werden, die schwer arbeiten und Kisten tragen, bohren, aufbauen, damit alles in die neue Wohnung passt und gut aussieht. Es soll ja schnell heimisch und behaglich sein. Und dann? Das Sofa passt nicht durchs Treppenhaus, die Dübel müssen doch erst eingegipst werden, da sonst die Regale aus der Wand fallen; die alten Gardinen passen nicht zur neuen Wandfarbe, Anschlüsse müssen umgelegt werden … – Die ganze Planung und Organisation ist dahin und die Baumärkte freuen sich über all die Dinge, die man schnell noch nachkaufen muss.
Stellen Sie sich vor, Sie hören im Sonntagsgottesdienst dann die Lesung aus dem Buch Kohelet: „Windhauch, Windhauch, … das ist alles Windhauch. Alle Tage besteht des Menschen Leben nur aus Sorge und Ärger, und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe.“ Ganz ehrlich, wie man im Ruhrgebiet sagt, erst mal wacker schaffen gehen und dann kann man sich wieder um den anderen Kram kümmern wie Kirche, Kinder und Küche. Oder wie Kirche, Kneipe und Kultur. Von wegen, alles ist Windhauch!
Vielleicht legt sich Ihr Ärger darüber, dass alles Windhauch sein soll, was man sich mühsam in seinem Leben erarbeitet hat, gekauft, vererbt, für die nachfolgenden Generationen zur Seite gelegt hat, wenn Sie dann die Worte des heutigen Sonntagsevangeliums lesen. Jesus sprach davon, dass es in unserem Leben um ihn selbst, den von Gott Gesandten und um seine Botschaft geht. Gerade dann wird er zu einer Erbstreitigkeit zwischen zwei Brüdern befragt, die sich nicht mehr einigen können. Und sicher kennen Sie diese Situation auch vom Erzählen, hoffentlich nicht vom selbst Erlebten. Ehepartner streiten sich in Scheidungsfällen um ihre Kinder; Kinder im Todesfall ihrer Eltern um das Erbe; darum, wer sich um die Gräber kümmert.
Jesus reagiert ärgerlich: „Mann, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch gesetzt?“, heißt es in der Übersetzung von Romano Guardini. Und weiter: „Seht euch vor und hütet euch vor aller Habsucht, denn wenn einer auch Überfluss hat, so hängt doch sein Leben nicht an seinem Besitz.“ Und er erzählt das Gleichnis von der falschen Selbstsicherheit des reichen Mannes, der nicht genug Platz hat, seine Ernte zu speichern. Dieser kommt auf den naheliegenden Gedanken, seine Scheunen abzureißen und größere zu bauen, damit er einen Vorrat hat, der für die nächsten Jahre reicht. Ich finde den Gedanken logisch. Nichts anderes haben doch meine Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg getan, damit ihre Kinder und Enkelkinder keinen Hunger, keine Kälte erleben müssen, sondern behütet und beheimatet sind. Und die Reaktion Gottes: „Du Narr!“
Warum, frage ich mich, hilft Jesus dem armen Mann nicht, dem vielleicht ein verbitterter Bruder sein Erbe vorenthält, mit dem er sich an seinem Leben freuen und es endlich genießen könnte? Jesus hat vom Wesentlichen gesprochen und von dem, was unwesentlich ist. Der Mann dachte an seinen Besitz und Acker und daran, dass er nun für viele Jahre geborgen ist. Jesus unterscheidet zwischen den Schätzen im Himmel und denen, die uns vor ihm reich machen. Unser Besitz soll im Himmel sein, nicht in dem, wie wir es uns hier auf Erden eingerichtet haben. „Dann kann der Mensch, aus diesem Glauben heraus handelnd, das Irdische ins Unvergängliche tragen.“ (Romano Guardini) Und auch deshalb glauben wir an die leibliche Auferstehung des Menschen, weil jede unruhige Nacht, jede Sorge, Träne und jeder blaue Fleck vom Kistentragen bei Gott seine Heimat finden wird und geborgen ist.
Christina Gäbel ist Diplom-Religionspädagogin und Gemeindereferentin im Pastoralverbund Dortmund-Süd-West.



