Aktuelle Ausgabe
2014-39

Ausstellung in Kassel zeigt Strafen des Mittelalters

Von Henkern, Hexen und Häretikern

„Galgenfeld“, „Richtsberg“, „Am Pranger“ – auch heute noch erinnern Straßennamen an die Orte mittelalterlichen Schreckens. Verbrennen, Köpfen, Hängen waren im Mittelalter gängige Strafen. Im Museum für Sepulkralkultur in Kassel hat nun eine Ausstellung eröffnet, die in die Welt der damaligen Straf- und Rechtspraxis führt.

Text: Bettina Noeth / KNA

Fotos: Wolfgang Radtke

Die Menge vor dem Scheiterhaufen johlt und applaudiert. Tausende sind zur Hinrichtung der Hexe vor die Stadtmauern gekommen. Krähen umkreisen krächzend den Richtplatz. Dann hört man das Knistern von Feuer – die Verurteilte wird qualvoll sterben. Verbrennen, Köpfen, Hängen und Rädern waren im Mittelalter gängige Strafen. Im Museum für Sepulkralkultur in Kassel hat nun eine Ausstellung eröffnet, die in die Welt der mittelalterlichen Straf- und Rechtspraxis führt, zu „Galgen, Rad und Scheiterhaufen“.

„Galgenfeld“, „Richtsberg“, „Am Pranger“ – Flur- und Straßennamen zeugen heute noch von einstigen Richtstätten. Sie befanden sich meist vor den Stadttoren an weithin sichtbaren Orten – auf Hügeln, Brücken oder an Straßenkreuzungen. „Öffentliche Hinrichtungen waren inszenierte Spektakel, die Jahrmarktcharakter hatten“, erklärt die Kuratorin der Ausstellung, Ulrike Neurath-Sippel. „Sie dienten der Abschreckung potenzieller Übeltäter.“

Strafen leisteten einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in der mittelalterlichen Gesellschaft. „Ein Unrecht kann nur aus der Welt geschafft werden, indem es gesühnt wird – dies war das vorherrschende Denken“, erklärt Museumsdirektor Reiner Sörries. „Durch eine Bestrafung wurde das Gleichgewicht in der Gesellschaft wieder hergestellt.“

Aus massiven Holzbalken ist der drei Meter hohe Galgen errichtet. In der Mitte hängt eine Schlinge aus dickem Seil, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit Mördern, Dieben und Räubern das Genick brach. Weitere Exponate wie Daumenschrauben, Eisenzangen und ein auf einem zwei Meter hohen Baumstamm befestigtes hölzernes Wagenrad belegen die grausame Strafpraxis jener Zeit. Beim sogenannten Rädern wurden dem Verurteilten mit einem Speichenrad sämtliche Glieder gebrochen. Dann wurde er durch die Speichen des Rades geflochten, das auf einem Pfosten aufgelegt wurde.

Die Knochen des berüchtigten Räuberhauptmanns Schinderhannes blieben heil. In der Schau ist das mutmaßliche Skelett des Räubers zu sehen, der Ende des 18. Jahrhunderts im Hunsrück und im Rhein-Main-Gebiet mit seiner Bande raubte, tötete und Schutzgeld erpresste. Im Jahr 1803 fand er in Mainz den Tod durch die Guillotine. Danach untersuchten Mediziner der Universität Heidelberg seinen Leichnam und nutzen ihn als anatomisches Anschauungsobjekt. Die Körper Hingerichteter waren bei Medizinern sehr begehrt.

Straftäter wie er hatten das Recht verwirkt, auf einem Kirch- oder Friedhof bestattet zu werden. Stattdessen begrub sie der Henker rund um die Richtstätte oder unter dem Galgen in ungeweihter Erde, wie ausgestellte Knochenfunde belegen. Auch Selbstmörder fanden dort ihre letzte Ruhestätte. An der Emmenbrücke im schweizerischen Luzern fanden Archäologen über dem Skelett eines Mannes, der sich  im Jahr 1740 umgebracht hatte, zwei Hundeskelette. Ein Indiz für die mittelalterliche Praxis, Selbstmörder mit Hunden an den Galgen zu hängen, um die Schändlichkeit ihrer Tat zu unterstreichen.

Eine eiserne Pflugschar aus dem Grab einer Frau bei Dortmund verweist auf einen weit verbreiteten Brauch im 6. und 7. Jahrhundert: die „Pflugscharprobe“. Am bekanntesten ist der Fall der Heiligen Kunigunde (etwa 980 - 1033), Ehefrau Kaiser Heinrichs II. Weil man ihr Untreue vorwarf, wurde sie einem sogenannten Gottesurteil unterzogen. Sie musste barfuß über glühende Pflugscharen gehen. Die Kaiserin blieb angeblich unverletzt – dies galt als Zeichen ihrer Unschuld und Keuschheit.

Der Alltag der Menschen war in Mitteleuropa stark religiös geprägt. Christliche Gebote und Verbote bildeten die Grundlage vieler gesellschaftlicher Normen. Bei Hinrichtungen war in der Regel ein Geistlicher anwesend, „Die Kirche billigte Folter und Todesstrafe“, sagt Neurath-Sippel. In den Hexenprozessen und bei der Verfolgung von Ketzern und Häretikern nahm sie oft eine aktive Rolle ein, auch wenn die meisten Hexenprozesse in den Händen der staatlichen Obrigkeit lagen. Die Gotteslästerung war eines der schlimmsten Delikte in der frühen Neuzeit. Der Strafkatalog dafür umfasste Ohr- oder Zungeabschneiden bis hin zur Todesstrafe.

Doch die mittelalterliche Rechtsprechung war bei weitem nicht willkürlich, wie die Ausstellung vor Augen führt. Verschiedene Rechtsquellen wurden zu Rate gezogen, je nach Schwere des Vergehens wurde unterschieden zwischen Todesstrafe, Körperstrafen, Freiheits-, Geld- und Ehrenstrafen. Bei kleineren Vergehen wurde der Schuldige an den Pranger gestellt, wo er der Lächerlichkeit preisgegeben war. Auch das Tragen einer Schandmaske war üblich. Das Museum zeigt ein eisernes Exemplar, das mit einem Eisenring um den Hals befestigt wurde.

Der sogenannte Tollund-Mann, eine Moorleiche aus der Zeit um 350 vor Christus, trug noch eine Lederschnur um den Hals, als er 1950 in Dänemark gefunden wurde. Eine Replik dieses Leichnams ist als ältestes Zeugnis von Todesstrafe und Hinrichtungen in der Ausstellung zu sehen. Sie spannt den Bogen bis in die Gegenwart. „Mehrere tausend Menschen pro Jahr werden auch heute noch hingerichtet“, sagt Neurath-Sippel. Prominente Beispiele dafür sind die USA, China, der Iran und Nordkorea. Auch heute noch haben Galgen, Rad und Scheiterhaufen ihre Entsprechung.

 

Info

Die Ausstellung „Galgen, Rad und Scheiterhaufen. Einblicke in Orte des Grauens“ ist im Museum für Sepulkralkultur Kassel, Weinbergstr. 25-27, noch bis zu 28. Mai zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr.


02.10.2014
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