Die Menschen machten sich durch die Jahrhunderte unterschiedliche Bilder von Gott
Vom Hirten bis zum Herrscher
Es ist die „Gretchenfrage“ der christlichen Kunst: Wie lässt sich Jesus Christus darstellen. Wie stellt die Kunst einen dar, der als Mensch gelebt hat, der aber Gott ist? Darauf gaben Künstler aller Zeiten unterschiedliche Antworten: Von symbolischen Darstellungen über detailgenaue Körperstudien bis zur abstrakten Illustration.
von Michael Kinnen
Die Geschichte der christlichen Kunst beginnt unter der Erde, in den römischen Katakomben: Dort ist Jesus als der gute Hirte zu finden, der ein Lamm auf seinen Schultern trägt. Weil sich die ersten Christen noch vor den Verfolgern verstecken mussten, entwickelten sie auch eine Art Geheimsprache. Sie benutzten Symbole wie die griechischen Buchstaben Alpha und Omega für den Anfang und das Ende in Christus. Sie zeichneten einen Fisch, weil in den Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes für Fisch („Ichthys“) ein ganzes Glaubensbekenntnis abgekürzt werden kann: Jesus Christus, der Erlöser, ist Gottes Sohn. Oder sie benutzten die ersten beiden griechischen Buchstaben des Christusnamens: XP. Über diese Symbole sprachen sie von einem, der unerkannt mitten unter ihnen sein sollte.
Immer wieder war die Frage: Wer ist dieser Jesus? Und viele wollten dazu gerne auch ganz konkret wissen: Wie hat er ausgesehen? War er ein schöner Mann? Hatte er einen Bart? Welche Haarfarbe hatte er? Und wie kann man das darstellen, was er für die Menschen bedeutet? So ist jedes Bild eine Interpretation. Die Darstellungen römischer Gottheiten etwa wurden bald auf Christus umgedeutet: So ist der römische Gott Dionysos als Tierträger Vorbild für den guten Hirten; der „wahre Weinstock“ Jesus Christus mit den um ihn rankenden Weinblättern erinnert an Darstellungen des römischen Weingottes Bacchus. Als Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert das Christentum zur Staatsreligion erhob, wandelte sich auch die Christusdarstellung: Vom tröstenden guten Hirten in Zeiten der Not hin zum über der Weltkugel thronenden Allherrscher, dem Pantokrator, der vor allem in den Ikonen ein beliebtes Motiv ist.
Kirchliche Auftraggeber ermöglichten den Künstlern ein freies Schaffen, Materialien wie Glas, Holz und Marmor wurden verwendet und neue Motive fanden Einzug in die Kunst. Darstellungen des Göttlichen waren aber immer umstritten, da sie an die heidnische Bilderverehrung erinnerten. Johannes von Damaskus (7./8. Jahrhundert) fand darin die Lösung, dass man Gott zwar nicht bildlich darstellen könne, dass aber gerade der Mensch gewordene Gott, Jesus Christus, in seiner menschlichen Dimension solche Abbilder ermöglicht.
Die Mönche des Mittelalters, die als einzige lesen und schreiben konnten, illustrierten die biblischen Texte mit kunstvollen Bilderzyklen, frühen Erzählcomics. In den gotischen Kirchen dieser Zeit wurden große Glasfenster mit Erzählungen aus dem Leben Jesu eingebaut. Auf diesen Glasbildern konnten auch einfache Menschen das ganze Leben Jesu von der Kindheit bis zur Auferstehung und Himmelfahrt „lesen“.
Eine Blütezeit christlicher Kunst war die Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert. Rafael, Leonardo da Vinci oder vor allem auch Michelangelo mit der Gestaltung der Decke der Sixtinischen Kapelle mit dem „Jüngsten Gericht“ schufen in dieser Zeit Werke für die Ewigkeit: der muskulöse, junge Jesus, der dynamisch zum Himmel emporsteigt und die Erlösten mit sich hinaufzieht, ist dabei eine künstlerische Sensation jener Zeit.
Damit konzentrierte sich die Kunst auf eine neue Körperlichkeit. Der junge, schöne Körper des Auferstandenen steht im krassen Gegensatz zum Leidensmann, wie ihn etwa Matthias Grünewald in seinem berühmten Isenheimer Altar zeigt. Detailgenau und brutal ist dort der zerfetzte Leib des Gekreuzigten dargestellt und drückt auf seine Art das Lebensgefühl seiner Entstehungszeit aus.
Gott ist Mensch geworden; Jesus, der Menschensohn, steht an der Seite der Menschen, teilt ihr Schicksal in allen Zeiten: Eine Darstellung aus Indonesien aus dem Jahr 1998 zeigt ihn mit Shorts und Sonnenbrille zusammen mit Fischern bei der Arbeit; ein Bild aus den USA aus dem Jahr 1988 zeigt ihn als dunkelhäutigen Insassen einer Todeszelle; und eine Darstellung aus Chicago aus dem Jahr 1976 zeigt den Einzug Jesu in Jerusalem als einen Einzug in Chicago: auf einem Pick-Up-Transporter zwischen Hochhäuserschluchten hin zu einer Bühne im Scheinwerferlicht.
In den unterschiedlichen Kulturen der Welt trägt der Menschensohn auch jeweils das Antlitz dieser Menschen: mit dunkler Hautfarbe als geknechteter Sklave oder mit asiatischem Aussehen in einem paradiesischen Garten, als Latino im Kampf gegen die Ausbeuter oder als blonder Jüngling in süßlich-kitschigem Glanz. Allen diesen Bildern, die nur Annäherungen sein können, ist der Wunsch der Jünger aus dem Johannesevangelium gemeinsam: „Wir wollen Jesus sehen“ (Kapitel 12, Vers 21).
Papst Johannes Paul II. hat diesen uralten Menschheitswunsch in seinem Apostolischen Schreiben „Novo millennio ineunte“ aufgegriffen, wenn er schreibt: „Wie jene Pilger vor zweitausend Jahren, so bitten die Menschen unserer Zeit die heutigen Gläubigen, nicht nur von Christus zu ‚reden‘, sondern ihnen Christus zu zeigen, ihn gleichsam ‚sehen‘ zu lassen. Ist es etwa nicht Aufgabe der Kirche, das Licht Christi in jeder Epoche der Geschichte widerzuspiegeln, sein Antlitz auch vor den Generationen des neuen Jahrtausends erstrahlen zu lassen?“
So bleibt nicht nur für die Künstler, sondern auch für jeden einzelnen Betrachter die Frage die tiefer greift als jede Sammlung historischer Details oder künstlerische Annäherungen: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“







