Kommentar
Volksbewegungen am Ende?
Bei den zurückliegenden Wahlen haben die großen Volksparteien zugunsten der Kleinen erheblich Federn lassen müssen. Auch die Bischofskonferenz beschäftigte sich mit den zahlenmäßig abnehmenden Katholiken. Gewerkschaften klagen über Mitgliederschwund.
Gerd vieler (53) ist
Chef vom dienst des DOM
Wie war das doch schön, als jeder noch wusste, wo er hin-gehörte. Da gab es die großen Lager: Der eine war bei den Sozis, der andere war katholisch. Und dazwischen gab es ein paar Unsortierte: Hippies oder sonstige Außenseiter. Immer mehr hat sich diese alte Homogenität zugunsten von Partikularinteressen zerschlagen. Das bislang letzte einschlägige Signal waren die Wahlen dieses Jahres. Sie haben eindeutig gezeigt, dass erst einmal die Zeit der Volksparteien und großen Volksbewegungen vorbei ist. Individualisierung heißt der neue Weg.
Vorbei scheint auch die Zeit der Volkskirche. Dabei spielt nicht allein der wieder ansteigende Kirchenaustritt eine Rolle, wie es die Bischofskonferenz analysiert hat. Denn das ist nur die Spitze eines Eisbergs, der sich derzeit noch als Karteileichen in den Registern verbirgt. Das viel gebrauchte „man“ ist einem „ich“ gewichen.
Dazu gehört auch die Mobilisierung von Mitgliedern der bisherigen Massenorganisationen. Deshalb ist nicht nur die Zeit der Volksorganisationen, sondern auch die Zeit der Massenveranstaltungen vorbei. Großereignisse finden nicht nur in katholischen Vereinen kaum mehr den früheren Anklang. Solche Tendenzen sind inzwischen schon so etabliert, dass sich jede Großorganisation inzwischen Gedanken darüber machen muss, wie sie ihren Gruppengeist leben kann.






