Besonders in Deutschland herrscht Verwirrung und Unverständnis im Umfeld der Entscheidung um die Aufhebung der Exkommunikation von Lefebvre-Bischöfen in die Kirche
Versöhnungsversuch des Papstes endet in einem großen Debakel
Normalerweise heißt es in der katholischen Kirche: „Roma locuta – causa finita“ (Rom hat gesprochen – der Fall ist beendet“). Ganz anders der Fall um die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen aus der Gemeinschaft des 1991 verstorbenen Erzbischofs Marcel Lefebvre, die sich selbst „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ nennen. Er und seine Nachfolger aus dem traditionalistischen Lager hatten sich wegen unerlaubter Weihehandlungen die Kirchenstrafe der Exkommunikation (Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft) zugezogen.
von Gerd Vieler
Nicht anders als lawinenartig ist die öffentliche Reaktion zu bezeichnen, die im Zusammenhang mit der Rekonziliation (Wiederaufnahme ohne Amtsbefugnisse) der vier Bischöfe aus der besagten Priesterbrudershaft über den Papst und die katholische Kirche hereinbrach. So sieht es zumindest für den deutschen Medienkonsumenten aus.
Vielleicht nur vergleichbar mit der Diskussion um die Abtreibungsgesetze ist ein Papst in Deutschland so in die auch innerkirchliche Kritik geraten. Selten wurde das Unverständnis auch von Seiten der deutschen Bischöfe so konkret geäußert.
Die Ursachen liegen in zwei Sachverhalten, die eigentlich grundsätzlich nichts miteinander zu tun haben: Der Papst hebt die Exkommunikation für vier aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossene Personen auf, die sich durch eine unerlaubte Bischofsweihe selbst nach Canon 1382 des kirchichen Gesetzbuches die Exkommunikation zugezogen hatten. Das ist bei reuigem Verhalten nichts ungewöhnliches. Diese Wiederaufgenommenen haben aber nichts eiligeres zu tun, als in die zur Versöhnung ausgestreckte Hand zu beißen und mit ihren verurteilten Ideen durchzustarten nach dem Motto: „Die haben wir übern Tisch gezogen – jetzt wollen wir erst mal richtig zeigen, wo der Hase langläuft.“ Statt Reue waren trotzige Töne zu hören: „Wir machen weiter wie bisher und werden jetzt Rom missionieren.“ Diese Unbeugsamkeit hätte der Papst wissen können: War es doch der damalige Kardinal Joseph Ratzinger selber, der sich bei Lefebvre eine Abfuhr eingefangen hatte, als er im Auftrag des damaligen Papstes über seinen Verbleib in der katkolischen Kirche gesprochen hat. Auch die nachgeschobenen Forderungen des Papstes für eine Wiederaufnahme, unter anderem die ausnahmelose Anerkennung der Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils, wurden nicht erfüllt.
Das allein wäre schon ärgerlich genug gewesen, zumal die ganze Rekonziliation ohne erkennbaren aktuellen Handlungsbedarf in einer vorher nicht kommunizierten Hauruck-Aktion des Vatikan erfolgte. Das als Argument immer wieder erwähnte Streben nach der Einheit in der Kirche wäre glaubwürdiger, wenn es auch am linken Flügel der Kirche solche ausgestreckten Hände gäbe. So lässt sich eine gewisse Affinität des Papstes für den rechten Flügel der Kirche – aufgrund anderer Zugeständnisse in jüngster Zeit nur schwer wegdiskutieren.
Die zweite Ursache ist ein deutsches Phänomen: Der Papst ist ein Deutscher und in keinem anderen Land ist – aus verständlichem Grund – das Wort Holocaust so stark besetzt wie in Deutschland. Das zeigt allein die Tatsache, dass die Leugnung des Holocaust als einziges nicht unter die freie Meinungsäußerung fällt und strafrechtlich verfolgt wird. Nun wollte es der Zufall oder auch nicht, dass ausgerechnet am gleichen Tag der Versöhnungsgeste des Papstes im schwedischen Fernsehen mit einem der wieder aufgenommenen Bischöfe namens Richard Williamson ein Video ausgestralt wurde, aufgenommen in Zaitzkofen bei Regensburg. Darin leugnet er unmissverständlich die Existenz von Gaskammern während der Nazizeit. Nicht ein einziger Jude sei in Gaskammern getötet worden. Das erklärte der hochgebildete Cambridge-Absolvent so explizit (Video im Internet unter: www.youtube.de, Stichwort: Williamson), dass keine Interpretation möglich ist.
Für den Vatikan begann die außerkirchliche Seite des Debakels. Von vielen Seiten wurde ihm unterstellt, er habe einen Holocaustleugner wieder in die Kirche aufgenommen. Was den Fakten nach genommen so auch richtig ist. Der vatikanische Pressesprecher erklärte, dass der Papst über die Ansichten Williamsons zum Zeitpunkt der Wiederaufnahme keine Kenntnis gehabt habe. Den öffentlichen Protestnoten – bis hin zur deutschen Bundeskanzlerin – tat dies keinen Abbruch.
Es mangelte nicht an Erklärungsversuchen für diese „Panne“ aus dem Vatikan. Sie reichen von Verurteilungen, dass die Kirche und auch der Papst immer schon antisemitisch eingestellt waren, bis hin zu der Erklärung, dass den Zusammenhang von Rekonziliation Williamsons und seiner und Holocaust-Leugnung niemand bemerkt habe, weil der Privatsekretär des Papstes, Georg Gänswein, mit Grippe im Bett gelegen habe. Die FDP belustigte gar mit der Forderung, dass die katholische Kirche das Anerkenntnis des Holocaust als Glaubenssatz für ihre Mitglieder einführen sollte.
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