Zwei Gemeinden wurden verschmolzen, damit sie als eine weiterwachsen kann
Veränderung statt Sterben
Stirbt eine Gemeinde, wenn sie sich mit einer anderen zusammenschließt? Solche Ängste sind in Deutschlands Bistümern nicht ungewohnt. Auch wenn zwar Altes vergeht und Neues kommen mag. Dennoch wollen die Menschen in zwei fusionierten Aachener Gemeinden das Gleichnis vom Weizenkorn, das stirbt und Frucht bringt, nur bedingt auf sich übertragen.
von Christoph Buysch
Die Türen sind zu. Für immer scheint Weihbischof Karl Reger sie zu verschließen. Das Bild der Schließung von St. Josef als Gemeindekirche im Aachener Ostviertel ging damals, im März 2005, durchs ganze Bistum Aachen. Erstmals wurde ein Fusionsprozess zwischen zwei Gemeinden in einem Stadtviertel sichtbar, zwischen St. Josef und der Pfarrei St. Fronleichnam. Deren Kirche sollte von nun an für die Katholiken beider Gemeinden Pfarrkirche sein. Frank Kress war damals einer von drei Delegierten von St. Josef und hat das gemeinsame Seelsorgskonzept mit verhandelt. „Damals gab es auf beiden Seiten das unausgesprochene Gefühl: Wir sollen jetzt von den anderen eingesackt werden.“ Und Elisabeth Geusen, heute noch im gemeinsamen Pfarrgemeinderat aktiv, fügt hinzu: „Noch heute sagen mir manche, sie können mir das nicht vergessen, dass St. Josef nun nicht mehr Pfarrkirche sein kann.“
Aber eine Alternative gab es nicht. Die Bistumsleitung wollte die Gemeindefusion und für die neugotische Josefskirche standen kurzfristige Sanierungskosten von mehr als zwei Millionen Euro an. Zudem wollte man dem Strukturwandel des Ostviertels Rechnung tragen, in dem heute von 20000 Einwohnern nur noch 7000 Katholiken sind. Und nur ein paar Hundert fühlen sich der Gemeinde zugehörig.
Eduard Groteclaes hat für die Fronleichnamsgemeinde den Übergang mitgestaltet und schildert deren Probleme: „Wenn jemand eine Kirche verliert, ist das sicherlich mehr als schwierig. Aber wenn man eine Gemeinde dazugewinnt, ist das auch nicht einfach. Viele denken: Jetzt können wir nicht so weitermachen wie bisher.“ So gab es bei der gemeinsamen Erstellung des Pastoralkonzepts durch Vertreter der Gemeinden und des Bistums viele Konflikte.
Frank Kress gesteht: „Wir haben eine Menge aktive Mitglieder unserer Gemeinden in dieser Zeit verloren. Ich erlebe allerdings auch: Langsam kommen einige wieder, und alte Verletzungen heilen doch ab.“ Eine wichtige Hilfe waren dabei Gemeindereferent Josef Gerets, Diakon Rolf Berard und Pfarrer Markus Frohn, die seitdem als Seelsorger hinzukamen. Und seit Allerheiligen 2007 ist auch St. Josef nicht mehr geschlossen. Sie wurde zur Grabeskirche umgebaut: Dort finden Urnenbestattungen im Kirchenschiff statt, womit sie auch jederzeit wieder zugänglich ist. Pfarrkirche aber bleibt das architektonisch sehenswerte Fronleichnam, womit die Gemeinde zwei weithin bekannte Kirchenbauten ihr eigen nennt.
„Aber Gebäude allein machen eine Gemeinde ja nicht besonders lebendig“, meint Kress. „Was noch fehlt, sind Menschen, die tatsächlich etwas miteinander machen. Und das sind noch nicht die großen Mengen.“ Und Groteclaes ergänzt: „Wir müssen heute großräumiger denken. Wenn wir das nicht tun, können wir doch aufhören. Da kann nicht jeder das Denken nur um den eigenen Kirchturm kreisen lassen.“
Was damit gemeint sein könnte, zeigt Pfarrer Markus Frohn. „Wir leben in einem sozialen Brennpunkt. Viele Menschen sind von Arbeitslosigkeit betroffen, viele haben einen Migrationshintergrund. Und wir als Pfarre wollen als ein wichtiger Gesprächpartner unseren Beitrag leisten.“ Mit einer offenen Tür für Jugendliche, einem Bürgerzentrum statt eines Pfarrheims, einer Kindertagesstätte, die Kinder aus 16 verschiedenen Nationen besuchen, und einem Seniorenheim. „Für uns bedeutet das darüber hinaus: Wir holen uns Kooperationspartner ins Boot, die uns bei unserer Arbeit helfen“, erläutert Frohn weiter. So wird mit dem Kolpingwerk ein Deutschkurs für türkische Frauen angeboten und mit dem Sozialwerk Aachener Christen ein Bewerbungsbistro für Arbeitslose. An der Josefskirche ist gerade ein KAB-Beratungsbüro für ALG-II-Empfänger eingerichtet worden.
„Um eine Gemeinde zu bewerten, legt man immer den Schlüssel an: Wie viele Leute gehen da denn zur Kirche?“, sagt der Pfarrer. „Generell, aber besonders bei uns, sollte man mit solchen Bewertungen vorsichtig sein. Wir sind nun mal keine Pfarre mit großen Zahlen. Dennoch merke ich auch, dass sonntags jetzt mehr und mehr Leute kommen.“
Und so hört man in der Pfarre St. Josef und Fronleichnam die Rede vom Weizenkorn, das sterben muss, eigentlich gar nicht so gern. „Ich glaube“, sagt Gemeindemitglied Kress, „das Weizenkorn stirbt nicht einfach, es verändert sich vielmehr und entfaltet sich. Und so war das bei uns auch. Wir sterben nicht in der Fusion, wir verändern uns.“ So verzichtet man in Zukunft auf die beiden Pfarrfeste und feiert lieber ein Straßenfest – offen für alle Bewohner des Viertels. Die Türen beider Kirchen aber sind jeden Tag für Besucher und Beter geöffnet.







