Der Theologe Professor Hubert Frankemölle zu den Erwartungen an die Papstreise
„Unter Versöhnung im Nahen Osten versteht jeder etwas anderes“
„Was darf man von einem Papst, der aus Deutschland kommt, bei dieser Reise in den Nahen Osten erwarten?“ lautet eine der Fragen, die der Paderborner Theologe Professor Dr. Hubert Frankemölle in seinem Gastartikel zu beantworten sucht. Er ist Mitglied im Bundesvorstand der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.
von Prof. Hubert Frankemölle
Israel ist politisch, gesellschaftlich und religiös betrachtet schon lange kein „heiliges Land“ mehr. Es war wohl nie „heilig“ im genannten Sinn, auch wenn es seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. von Christen „terra sancta“ genannt wurde als Bezeichnung jener Gegend, in der Jesus und die Apostel gewirkt hatten und wo bis heute die ältesten Gedenkstätten des Christentums besucht werden können. Das Land war immer Spielball der Großmächte, auch der Kirche. Seit der Staatsgründung Israels 1948 lebt es permanent im Kriegszustand. Israel ist ein Staat wie jeder andere, mit Stärken und Schwächen, daher auch zu allen möglichen Fehlern fähig.
Erst 1993 hat der Vatikan den Grundlagenvertrag mit Israel geschlossen; er vertritt mit der EU und USA für das schwierige Verhältnis der Juden und Palästinensern die Zwei-Staaten-Lösung. Viele Katholiken wollen nicht wahrhaben, dass der Papst nicht nur Oberhaupt der römisch-katholischen Christen ist, sondern zugleich Oberhaupt eines souveränen Staates, nämlich des Vatikans. Als solcher geht er auf Weltreisen. An den maßlosen Reaktionen auf die berechtigte Kritik von Bundeskanzlerin Merkel an den Papst als Oberhaupt eines souveränen Staates anlässlich der Aufhebung der Exkommunikation von Bischof Williamson, der weiterhin den Holocaust leugnet, lässt sich das Dilemma verdeutlichen; sie konnte nicht schweigen.
Nach Jordanien, Israel und in die Palästinensergebiete reist der Papst vom 8. bis 15. Mai als Staatsoberhaupt und als Hirte der Gesamtkirche. Entsprechend unterschiedlich sind die hohen Erwartungen an diese Reise. Die wenigen Christen erwarten nicht nur Zuspruch im Glauben sowie die Stärkung ihrer gläubigen und gesellschaftlichen Identität, sondern auch deutliche Worte gegen alle Beschränkungen.
Die Muslime wie fromme Juden befürchten gerade überzogene Ansprüche der Kirche. Unter Versöhnung im Nahen Osten versteht jeder etwas anderes. Wird der Papst deutliche Worte zu den Konflikten finden? Wie wird die angekündigte Friedensbotschaft aussehen? Fällt sie zu allgemein aus, bewirkt sie nichts, wird sie zu konkret, entsteht neuer Ärger – wie bei der Regensburger Rede des Papstes im Jahre 2006 im Verhältnis der Kirche zu den Muslimen. Ähnlich kompliziert sind sein obligater Besuch und die damit verbundenen Reden in Yad Vashem, der offiziellen Gedächtnis- und Dokumentationsstätte in Jerusalem. Auch im politischen Israel sind die Bilder und Reden von Johannes Paul II. im Jahre 2000 noch sehr lebendig, vor allem sein Bekenntnis zur Mitschuld der Kirche an der Schoa und sein Gebetszettel mit der Bitte um Vergebung in der Klagemauer.
Kann die Symbolik dieser Geste und das öffentliche Bekenntnis „Wir bitten um Verzeihung“ wiederholt werden? Was darf man von einem Papst, der aus Deutschland kommt, erwarten? Sicherlich nicht weniger als von seinem Vorgänger, dem Papst aus Polen. Bislang hat Papst Benedikt sehr diplomatisch und zurückhaltend geredet, denkt man etwa an seine Rede beim Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz im Mai 2006. Das Wort Schuld taucht in der Ansprache nicht auf, er kniete nicht nieder, was viele erwartet hatten, er bat nicht um Verzeihung für die Verbrechen seines Volkes und für die Mitschuld der Kirche am Antisemitismus, der durch den theologischen, jahrhundertelangen Antijudaismus der Kirche zumindest gestärkt wurde. Viele Juden, nicht nur Überlebende, waren verstört.
Für theologische Fragen interessiert sich die israelische Öffentlichkeit nicht. Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden als Bitte um ihre Bekehrung zu Jesus Christus aus dem Jahre 2008 oder die Aufhebung der Exkommunikation der vier Pius-Bischöfe, von denen einer ein Holocaust-Leugner ist, irritierten weder Politiker noch jüdische Repräsentanten in Israel. Für sie ist ein gutes Verhältnis zum Vatikan wichtiger als die Frage, ob Papst Benedikt ausdrücklich wie sein Vorgänger unter Berufung auf den Apostel Paulus (Röm 9,4-5; 11,29) davon spricht, dass die Juden weiter im „von Gott ungekündigten Bund“ leben, also keiner Missionierung durch Christen bedürfen.
Und doch hängt von einer solchen Aussage nicht nur das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche ab, sondern auch das seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erneuerte Verhältnis zu den Juden und zu den Muslimen. Hier hat Papst Benedikt noch Erklärungsbedarf. Die Erwartungen an die Reden und Gesten des Papstes im Nahen Osten sind nicht nur bei Juden und Christen in Deutschland zu Recht hoch.







