Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Unser Gott will Leben schaffen

Klaus Fussy ist Pfarrer der Gemeinde St. Johannes Baptist Bielefeld-Schildesche und Dechant des Dekanates Bielefeld-Lippe.

In der Totenerweckung in Nain sieht Dechant Klaus Fussy die Hoffnung begründet, dass Gott auch heute den Tod in seiner vielfachen Form überwinden wird. Das gilt für das persönliche wie für das kirchliche Leben.

von Klaus Fussy 

Den Toten trug man ausgerechnet zu dem Zeitpunkt aus der Stadt hinaus, als Jesus, gefolgt von seinen Jüngern und vielen Menschen, sie gerade betreten  wollte. Was fällt weiterhin auf? Die Totenerweckung dieses jungen Mannes geschieht, ohne dass Jesus darum gebeten wird. Das kennen wir von ähnlichen Situationen in den Evangelien so nicht. In der Perikope, die dieser vorangeht, wird Jesus inständig gebeten, den todkranken Diener des Hauptmanns von Kafarnaum zu heilen.

In dieser Erzählung aber bleibt Jesus vor der Mutter stehen und sagt zu ihr unaufgefordert ein kurzes Wort: „Weine nicht!“ Er geht dann zur Bahre und erweckt den Toten zum Leben, indem er ihm befiehlt: „Steh auf“.  Wenige Worte, dafür viel entschlossene und entschiedene Handlung.

Weiterhin fällt auf, dass die Menschen von Furcht ergriffen werden. Diese Furcht ist keine Angst. Sie hat zu tun mit der großen Ergriffenheit durch das, was sie gerade erlebt haben. Die Leute spüren: Das Ganze hat eine göttliche Dimension, denn sie preisen Gott. 

Und damit ist auch klar: Die Auferweckung des jungen Mannes von Nain hat nicht nur mit ihm zu tun,  sondern betrifft alle. Dieser Jesus ist kein Magier und erst recht kein Scharlatan. Er handelt vielmehr in göttlichem Auftrag. An ihm wird deutlich, dass Gott an allen so handelt. Er ist ein Gott, der zum Leben ruft. Diese Geschichte wird der österlichen Gemeinde erzählt, damit sie sich bewusst wird und zum Glauben kommt: Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten. Jesus ist dazu gesandt, das in Wort und Tat deutlich zu machen. Diese Geschichte wird uns erzählt, damit wir uns bewusst werden, dass wir eine österliche Kirche sind. 

Wie viel Weinen und Wehklagen gibt es bei uns: Alles geht den Bach runter; alles wird weniger, weniger Priester, weniger Gottesdienstteilnehmer, weniger Gläubige, weniger Geld. Vieles wird nur negativ bewertet. Vieles aber ist auch erstarrt: Enge und Gesetzlichkeit, Ängste und damit wenig Bereitschaft, sich Neuem zu öffnen. Wie wird es um uns in 20 bis 30 Jahren bestellt sein? Versandet das Christentum? Und zunehmend erlebe ich Menschen, die materiell kaum noch über die Runden kommen. Andere haben das Gefühl, nicht oder nicht mehr gebraucht zu werden. Erstarrt das Leben in Alltagssorgen und -problemen? Symptome des Todes? Im Bereich der Kirche sehe ich bei haupt- wie ehrenamtlichen Verantwortungsträgern große Anstrengungen, die darauf ausgerichtet sind, vieles zu retten. Doch retten sie wirklich? Manches muss wahrscheinlich sterben. Wer aber rettet? 

Diese Perikope erzählt, dass dem Toten das Leben geschenkt wird. Er selbst und auch alle anderen konnten ihn nicht retten. Hier erweist sich Gott selbst als Rettender. Das ist der Grund unserer Hoffnung. „Gott hat sich seines Volkes angenommen“, jubeln erleichtert die Menschen in Nain.

Gott wird sich auch heute seines Volkes annehmen, kann für uns die befreiende Botschaft lauten.

Dieser Gott des Lebens verlässt auch heute sein Volk nicht. Er löst aus Todesstarre. Er führt uns hinaus in die Weite des Lebens. Er rettet vor dem Untergang. Was wir brauchen,  ist keine noch so große Rettungsaktion, sondern das Vertrauen in diesen Gott, der aus dem Tod das Leben schafft. Das führt uns in eine Gelassenheit, die aus einem solchen Glauben erwächst. Seien wir offen für das Geschenk des Lebens, das Gott uns verheißen will.

 


24.05.2012
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