Aktuelle Ausgabe
2012-20

Papst Benedikt XVI. schlägt in seiner dritten Enzyklika eine Weltinstanz zur Steuerung der Globalisierung vor

„Unerhörte Ungerechtigkeiten“

Der aus dem Erzbistum Paderborn stammende Kurienkardinal Paul Josef Cordes stellte die neue Enzyklika im Vatikan vor.

Vatikanstadt (kna/jon). Angesichts der globalen Wirtschaftskrise schlägt Papst Benedikt XVI. die Gründung einer weltweiten Steuerungsinstanz vor. Eine solche politische Weltautorität sei notwendig, um die Weltwirtschaft zu lenken, die von der Krise betroffenen Volkswirtschaften zu sanieren und einer Verschlimmerung der Krise vorzubeugen. Diesen Vorschlag macht der Papst in seiner ersten Sozialenzyklika, die am Dienstag im Vatikan vorgestellt wurde.

Benedikt XVI. führt aus, eine solche „übergeordnete Stufe internationaler Ordnung“ solle dem wachsenden weltweiten Ungleichgewicht gegensteuern, Abrüstung voranbringen, Sicherheit und Frieden fördern, Umweltschutz gewährleisten und Migrationsströme regulieren. So könne eine moralische Sozialordnung, wie sie bereits in den Statuten der Vereinten Nationen gefordert werde, endlich verwirklicht werden.
Im Mittelpunkt des Fortschritts müssten stets der Mensch und seine ganzheitliche Entwicklung stehen, bekräftigt Benedikt XVI. in dem seit langem erwarteten Grundsatzpapier, das nach seinen lateinischen Anfangsworten den Titel „Caritas in veritate“ (Die Liebe in der Wahrheit) trägt. Die menschliche Person sei „das erste zu schützende und zu nutzende Kapital“, heißt es in dem Schreiben, das in seiner italienischen Ausgabe 142 Seiten umfasst.
Ausdrücklich warnt Benedikt XVI. vor Fatalismus oder einem blinden Widerstand gegen die Globalisierung. Die weltweite Vernetzung sei in sich weder gut noch schlecht, sondern werde zu dem, was die Menschen daraus machten. Ausschließliches Profitstreben, das nicht auf das Allgemeinwohl ausgerichtet sei, laufe Gefahr, Vermögen zu zerstören und Armut zu schaffen.
Die Kirche habe zu Globalisierung und Wirtschaftskrise keine technischen Lösungen anzubieten, stellt der Papst klar. Aber sie habe eine „Mission der Wahrheit zu erfüllen“ und setze sich zum Wohl der Menschen für Gerechtigkeit, Solidarität und Subsidiarität ein. Ohne Gott drohe der Fortschritt unmenschlich zu werden.
Die Wirtschafts- und Finanzkrise lässt nach Einschätzung des Papstes schwerwiegende Verzerrungen und Missstände erkennen. Diese erforderten Veränderungen und strukturelle Erneuerung. Eine weltweite Ausbreitung von Wohlstand dürfe nicht durch Projekte gebremst werden, die von Einzelinteressen geleitet sind.
Ernüchternd fällt die Analyse des Papstes über die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte aus. „Absolut gesehen nimmt der weltweite Reichtum zu, doch die Ungleichheiten vergrößern sich. In den reichen Ländern verarmen neue Gesellschaftsklassen, und es entstehen neue Formen der Armut.“ In ärmeren Regionen wachse der Kontrast zwischen konsum­orientierter Überentwicklung einzelner Gruppen und dem Skandal ungeheuren Elends. Gleichzeitig werde das soziale Netz immer schwächer. Auch internationale Hilfen würden nicht selten verantwortungslos zweckentfremdet.
Geändert hat sich nach Überzeugung des Papstes auch das Unternehmerbild. Es gebe eine neue Klasse von Managern, die sich oft nur nach den Anweisungen der Hauptaktionäre richte. Als skandalös beklagt Benedikt XVI. Spekulationen, Wucher, Dumpinglöhne und eine rein profitorientierte Auslagerung von Arbeit in andere Regionen – zum Schaden der Menschen vor Ort. Doch nicht nur Unternehmer hätten eine soziale Verantwortung, betont der Papst, sondern auch die Konsumenten. Das gelte für Kaufentscheidungen wie für die Vermarktung von Dritte-Welt-Produkten. Dort sieht der Papst auch eine neue Rolle für die Gewerkschaften.
Zu Entwicklung gehört für Benedikt XVI. auch der Schutz der Umwelt und des Klimas. Der Menschen müsse die Schöpfung verantwortungsvoll steuern, schützen, nutzen und kultivieren, um der Bevölkerung Nahrung und angemessenes Wohnen zu ermöglichen. Es gehe nicht um eine Vergötterung der Natur; sie sei keinesfalls wichtiger als der Mensch. Jedoch müsse die heutige Gesellschaft ernsthaft ihren Lebensstil überdenken.
Entwicklung werde wesentlich vom technischen Fortschritt mitbestimmt, erinnert der Papst. Zugleich warnt er vor einer überzogenen Technikgläubigkeit. In der Globalisierung scheine die Technik die bisherige Rolle und Macht der Ideologien zu übernehmen. Sie dürfe freilich nur moralisch verantwortlich genutzt werden. Das gelte besonders für den Bereich Bioethik, „wo auf radikale Weise die Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung selbst auf dem Spiel“ stehe. Bei künstlicher Befruchtung, Embryonenforschung oder Klonen des Menschen stoße der Absolutheitsanspruch der Technik an Grenzen.
Mit Nachdruck warnt Benedikt XVI. davor, die „Kultur des Todes“ zu bagatellisieren. Zur „verbreiteten tragischen Plage der Abtreibung“ drohe Euthanasie und eine „systematische eugenische Geburtenplanung“ hinzuzukommen. Viele Menschen entrüsteten sich heute über Nebensächlichkeiten, seien aber bereit, „unerhörte Ungerechtigkeiten zu tolerieren“. Während die Armen der Welt „an die Türen der Üppigkeit klopfen“, laufe die reiche Welt Gefahr, in einer Unfähigkeit, das Menschliche zu erkennen, das Klopfen nicht mehr zu hören.
Die Deutsche Bischofskonferenz begrüßte die neue Enzyklika des Papstes als „großartiges Werk“. Benedikt XVI. habe eine „höchst eindrucksvolle, in der gegenwärtigen Krise hochaktuelle“ Botschaft vorgelegt, sagte der Konferenz-Vorsitzende Erzbischof Robert Zollitsch am Dienstag vor Journalisten in Freiburg. Das Schreiben betone die ganzheitliche Sicht des Menschen und stelle einen wichtigen Beitrag zu den Vorteilen und Gefahren der Globalisierung dar. Nicht zuletzt der Zeitpunkt der Veröffentlichung am Vortag des G-8-Gipfels im italienischen L'Aquila unterstreiche die Dringlichkeit des Anliegens, so der Freiburger Erzbischof. Der Papst rufe nicht nur die Verantwortlichen der wichtigsten Industrienationen der Welt auf, den aktuellen Herausforderungen mutig zu begegnen und dabei die notwendigen ethischen Grundlagen nicht zu vergessen, sondern ermutige alle Menschen guten Willens, sich als Gestalter, nicht als Opfer derzeitiger Entwicklungen zu sehen, so Zollitsch. 


24.05.2012
Impressum | Kontakt
4002