„Die Befristeten“ wissen wann der Tod kommt
„Und morgen bist du tot“
„Ich fänd’s schrecklich, es zu wissen“, sagt Jessica Sprenger. Ralf Junge-Puring sieht das anders: „Man könnte was planen, das machen, worauf ich Lust habe, ganz anders leben.“ Wissen, wann der Tod kommt. Darum geht es in dem Stück „Die Befristeten“ von Elias Canetti. Es wurde in der Kirche Heilig Kreuz in Mainz aufgeführt. Es passt zum Evangelium des heutigen Sonntages, in dem es auch um die Frage geht: Wann ist es soweit und geht die Welt unter damit das ewige Leben beginnen kann?
von Ruth Leenen
Jessica Sprenger und Ralf Junge-Puring sind ganz in Weiß, vorbereitet auf ihre Rolle. Sie spielen mit in der Laienschauspielertruppe zwölfPLUSeins. Auf der Bühne im Rund der Heilig-Kreuz-Kirche sind sie „Das Paar“, heißen „46“ und „43“. Namen gibt es im Stück der „Befristeten“ nicht, nur Nummern. Nummern, die Lebenszeit bedeuten. 46 hat genau 46 Jahre zu leben, 43 genau 43 Jahre.
Canettis Theaterstück, geschrieben 1952, ist ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn? Wenn jedermann seinen Todeszeitpunkt wüsste? In der Welt der „Befristeten“ bekommen die Babys nach der Geburt eine Kapsel umgehängt; die Geburts- und Sterbedatum enthält. Jeder weiß Bescheid, was ihn erwartet, jeder kann sich auf seinen Tod einstellen.
„Nehmt euch in Acht, … dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht, so wie man in eine Falle gerät“, sagt Jesus im Lukasevangelium, das an diesem Sonntag vorgelesen wird. Das gilt für die „Befristeten“ ganz gewiss. Sie werden nicht überrascht. Doch Canetti zeigt, dass die - se Tatsache keine gute Welt hervorbringt. Eine kalte und weiße Welt ist seine Welt des Wissens, klinisch, uniform, mitleidlos. Das Sterben eines kleinen Kindes wird einfach hingenommen. Ein Junge mit dem Namen „10“ kann machen, was er will: „Ich darf alles, muss nichts“. Noch nicht einmal Lesenlernen lohnt sich für ihn. Wenn er 10 Jahre alt ist, wird er sterben. Die „88 -er“, die ein langes Leben vor sich haben, sind aufgeblasen, egoistisch, unfähig zu lieben; wissen sie doch, dass sie allein übrigbleiben. Zwar sind in dieser Welt tödliche Unfälle und Morde ausgeschlossen, aber besser ist sie nicht geworden.
Jesus hatte mit seinen Worten anderes im Sinn: „Jener Tag“, das war für ihn das Weltende, das er noch in seiner Generation erwartete. Heute verstehen die Christen unter „jenem Tag“ den Tag, an dem sie sterben, den Tag, an dem Raum und Zeit aufgehoben sein werden und eine Bilanz ihres Lebens gezogen wird; den Tag, an dem sie „vor den Menschensohn hintreten“ werden.
Die Idee, sich auf diesen Tag aktiv vorzubereiten, ist aber aus den meisten Köpfen verschwunden. Den Tod, sagt Sibylle Brandl, die Regisseurin bei „ZwölfPLUSeins“, „will man wegschieben, unbeschwert leben“. Die Theaterbegeisterte, im Alltagsleben Religionslehrerin, weiß: „Wenn der jenseitige Aspekt fehlt, sind wir darauf angewiesen, alles ins Leben reinzupacken. Wir verhalten uns, wie ein Atheist sich verhält.“ Im Unterricht spielt sie die Frage oft mit Jugendlichen durch: Was, wenn ich nur noch einen Monat zu leben hätte, eine Woche, einen Tag? Häufig ist die Antwort: „Wegfahren, Party machen.“
Auch unter den Schauspielern hat Canettis Gedankenspiel Diskussionen ausgelöst. „Das Leben ist endlich, darum geht es in dem Stück“, sagt Ralf Junge-Puring. Er hat ein dreiviertel Jahr seinen Vater gepflegt, musste sich dabei mit dem Tod auseinandersetzen, sich fragen: „Was ist mir wichtig, wenn ich sterbe?“ Er glaubt, dass Menschen im Ungewissen an Versorgung und Absicherung denken. Wem jedoch bewusst sei, dass das Leben von jetzt auf gleich vorbei sein könne, der überdenke seine Rollen, seine Zwänge.
„Im Jetzt sein“, sagt Sibylle Brandl, sei eine Lehre, die aus der Beschäftigung mit dem Tod herrührt: „Lebe so, dass du mit einem guten Gewissen den Menschen und Gott gegenübertreten kannst.“ „Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren“, sagt Jesus. Und er sagt das nicht nur den Alkoholikern, sondern er meint auch die, die besoffen sind von ihrer Bedeutung, von ihrer Größe, ihrem Einfluss. Die Sorgen des Alltags kennt Jesus. Wer leben will, wie er es fordert, darf nicht in ihnen aufgehen, darf sie nicht über alles andere stellen, meint die Regisseurin.
In Canettis Stück leben die Menschen wie Maschinen, mit festgelegten Laufzeiten. Es gibt ein großes Tabu: Zwar weiß jeder, wie alt der andere werden wird. Das Geburtsdatum aber darf auf keinen Fall verraten werden. So bleibt der Einzelne mit dem Geheimnis seines Todeszeitpunkts allein. Das Mitleid ist aus dieser Welt verschwunden. Eine Fürsorge für die Sterbenden gibt es nicht. Eine Mutter, die weiß, dass sie sterben wird, darf nicht darüber reden: Nur noch 100 Gute-Nacht-Küsse wird sie ihrem Kind geben. Das Kind ist beruhigt: 100, das erscheint ihm viel.
Fast alle Figuren sehen es als großen Fortschritt an, dass dem Augenblick des Todes das Überraschende genommen ist. „Wir wissen, wann. Wir wissen, wann.“ wiederholen die Befristeten in einem Quasi-Gottesdienst. Sie behaupten, glücklich zu sein. Aber es gibt einen, 50 genannt, für den der Tod seinen Stachel nicht verloren hat. Er denkt das Undenkbare: Dass die Befristung ein Betrug sein könnte. Dass die Kapsel, in der angeblich Geburts- und Sterbedatum stehen, leer sein könnte. „Mich brennt der Tod!“ ruft er. Unter all den Gestalten des Stücks ist dieser Aufrührer der Menschlichste, derjenige, an dem die Zuschauer Anteil nehmen. Dieses Brennen, dieser Schmerz ist menschlich und christlich.







