Was haben Prophet und Berater gemeinsam?
Umkehren heißt den Blick ändern
Was sollen wir tun?, fragten Menschen den Täufer, zu dem sie eigens in die Wüste gekommen waren. Und Johannes gab klare Anweisungen. Was soll ich tun?, fragen auch Menschen, die von einer Beratungsstelle der Kirche Hilfe erhoffen. Aber dort ist es mit Ratschlägen nicht getan. Es braucht mehr.
von Katharina Klöcker
Sie wird als fünftes Kind geboren: als fünftes Mädchen. Als sie eines Tages ihre Eltern fragt, ob sie ein Wunschkind gewesen sei, antworten die ausweichend: „Wir haben alle Kinder gleich lieb.“ Die Frau ahnt, dass sich die Eltern vor ihrer Geburt sehnlichst einen Sohn gewünscht haben. Das lässt sich nicht mehr verdrängen. Immer wieder stellt sich die Frau vor: Sie ist nicht erwünscht. Die damit verbundenen Gedanken quälen sie, entwickeln sich zu einem Strudel, der sich jede Lebensfreude mit hinabreißt. So beschließt die Frau, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, bei der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle ihres Bistums.
So wie die Frau wenden sich jährlich rund 100000 Menschen an eine der 285 katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen in Deutschland. Experten der Kirche beraten dort kostenlos und unabhängig von Alter, Familienstand und Konfession. Etwa jeder Fünfte, der dort Rat sucht, hat ein ähnliches Problem wie die Frau, die als fünftes Mädchen geboren wurde. Wenig Selbstwertgefühl und Kränkungen sind der häufigste Grund, warum Menschen bei der Lebensberatung der Kirche Hilfe suchen.
Was soll ich tun? Was sollen wir tun? Diese Fragen hört Norbert Wilbertz, Leiter der Beratungsstelle im Bistum Münster nahezu täglich. Von Paaren, die um ihre Beziehung ringen, von Menschen, die gemobbt werden oder unter Depressionen leiden oder die den Verlust eines nahen Angehörigen nicht verschmerzen, wie die 40-jährige Klientin, die nicht hinwegkommt über den Tod ihrer Zwillingsschwester.
Wer jedoch glaubt, eine gute Beratung bestehe darin, jemandem kluge Ratschläge zu erteilen und ihm zu sagen, was er tun soll, wird enttäuscht. Zumindest ist das Konzept kirchlicher Beratung ein anderes, erläutert Wilbertz. So kommen die Menschen heute in kirchliche Beratungsstellen zwar mit derselben Frage wie Menschen vor 2000 Jahren zu Johannes dem Täufer. Jedoch erhalten sie selten so schnell und klar gesagt, wie genau sie handeln sollen.
Anders als die Zöllner und Soldaten, die zum „Größten unter allen Menschen“ kamen, wie Jesus den Täufer später einmal nannte (Lukas 7,28). Im Gegenteil: Wer in eine Beratungsstelle kommt, hat oft schon massenweise gute Ratschläge erhalten. Doch er ist noch genauso in sein Problem verstrickt wie zuvor, erklärt Wilbertz. „Meistens geht es nicht darum, dass jemand dumm ist, sondern darum, dass ihn irgendetwas daran hindert, seine Kräfte zu entfalten.“
Der Berater kann nichts daran ändern, dass die Frau als fünftes Mädchen geboren wurde und sich deshalb unerwünscht fühlt. Aber er vermag der Frau einen neuen Blickwinkel zu eröffnen. Der Theologe verdeutlicht sein Konzept von Beratung an einem Bild: Je heller die Sonne auf Kirchenfenster scheint, desto düsterer wirken sie, von außen. Geht man aber durch das Kirchenportal ins Innere, dann ist man überwältigt von der bunten Helle und Strahlkraft derselben Fenster. Eine solche helle und lichte Perspektive für die Frau könnte die Einsicht sein, dass der Wunsch ihrer Eltern nach einem Jungen geradezu ihr großes Glück war. Denn hätten die Eltern den Wunsch bereits früher aufgegeben, gäbe es sie vermutlich gar nicht.
Wilbertz wehrt sich gegen die Vorstellung, in der Beratung gebe es ein Gefälle zwischen dem, der berät, und dem, der Rat sucht. Weder sei der Berater ein Prophet, der in allen Lebenslagen die richtige Anweisung parat hat, noch sei er der Samariter, der vom Pferd hinabsteigt und mit dem Notleidenden seinen Mantel teilt. Wer einen biblischen Vergleich suche, für den eigne sich am besten der Weg nach Emmaus: Der Berater sei bereit, mitzugehen und dem anderen Aufmerksamkeit und Konzentration zu leihen, damit sich seine Augen für eine neue Sichtweise öffnen können.
Ihr Ziel habe Beratung dann erreicht, wenn der Hilfesuchende selbst eine neue heilbringende Perspektive gefunden habe, die seine verfahrene Situation in ein anderes Licht tauche. Allerdings berate die Kirche nach Wilbertz’ Ansicht nicht nur, um anderen Menschen zu helfen. Sie berate auch um ihrer eigenen Glaubwürdigkeit willen. Denn da erweise sich, ob und wie das gelebt werden könne, was die Kirche lehre. „Wenn die Kirche die Botschaft verkündet, dass Gott alle Menschen liebt, der Mensch jedoch so verzweifelt ist, dass er in seinem Leben die Liebe Gottes nicht zu entdecken vermag, dann ist der Botschafter der Liebe selbst in Not.“ Sein Ziel müsse es sein, dass der Not leidende Mensch sich wieder angenommen und geliebt fühle.
Die Frau, die sich als unerwünschtes Mädchen nicht genug geliebt fühlte, fand einen neuen Blickwinkel. Nun kann sie – so sagt Wilbertz – spüren „wie die Liebe wieder fließt, von ihr zu den Eltern und von den Eltern zu ihr. Ihr Leben wird sich verändern“. Und das ist auch eine Form der Umkehr.







