Bei Jesus Ruhe finden für die Seele
Tröstliche Gegenwart
Ein junger Mann sitzt schweigend vor angezündeten Kerzen im Seitenschiff des Kölner Doms. Kein ungewöhnlicher Anblick in der viel besuchten Kirche. Und doch, etwas ist anders. Er sitzt im Rollstuhl, und für die Eltern von Benjamin Gritzan, so heißt der Mann mit dem braunen Schopf, etwas ganz überraschendes. „Wir schlenderten durch den Dom, da sah mein Sohn die Kerzenecke und die Menschen dort. Er wollte auch dahin und eine Kerze anzünden. Ich habe ihm dabei geholfen. Und dann hat er die Hände gefaltet“, schildert Werner Gritzan, Benjamins Vater, die Szene. „Dass er die Hände so hält, als wolle er beten, das hat mich erstaunt“, sagt seine Mutter Gisela. Er hat in diesen Minuten gebetet, mit seiner ganz eigenen Art und seinen Vorstellungen von Gott und Gebet.
Benjamin Gritzan ist 25 Jahre alt und seit Geburt körperlich und geistig behindert. Sprechen hat er nicht lernen können. Außer einem lang gezogenen „Ja“ bildet sein Mund keine Worte. Er spricht mit seinen Armen, seiner Mimik und seiner Körperhaltung. Es ist erstaunlich, wie klar er sich mit seinem ganzen Dasein ausdrücken kann, trotz seiner spastischen Bewegungen. Etwas über ihn schreiben? Da grinst er, senkt seinen Kopf nach unten und schlägt die Arme darüber zusammen. Dann rollt er los mit seinem Rollstuhl und holt das Album mit den Fotos von seiner Firmung. Religiöse Erziehung war für seine Eltern selbstverständlich, trotz der Behinderung. Nur, wenn es um die Vorbereitung der Sakramente ging, da warteten sie eher ab. Benjamins Mutter erinnert sich: „Als er so alt war, um zur Erstkommunion zu gehen, da dachten wir, er kann das noch nicht.“ Erst als die Einladung zur Firmvorbereitung im Briefkasten lag und der Pastoralreferent sie persönlich ansprach, meldeten sie ihren Sohn zur Firmung an. 2002 feierte er mit den anderen Jugendlichen der Gemeinde St. Altfrid in Gifhorn seine Erstkommunion und die gemeinsame Firmung.
In die Kirche gehe er gerne. Da müsse aber was los sein, nicht nur geredet werden. Diesen Eindruck bekräftigt Johannes Koch. Er ist seit 14 Jahren Religionslehrer und Seelsorger im Röderhof, eine Wohneinrichtung für geistig behinderte Menschen in der Nähe von Hildesheim. Als Diakon feiert er regelmäßig Gottesdienst mit ihnen. „Ich mache die Erfahrung, dass Menschen mit geistiger Behinderung gerne zur Kirche gehen. Da ist Musik, Rhythmus und der Raum gefällt ihnen. Wir singen auch nur sehr rhythmische, meist moderne Lieder“, erzählt der 53-Jährige.
Er strahlt innerlich, wenn er an seine Leute denkt. Der unmittelbare Glauben, so wie Kinder ihn empfinden, sei wichtig. Menschen mit geistiger Behinderung zeigen sehr direkt ihre Gefühle.
Das betont auch das Ehepaar Gritzan immer wieder. „Sie können gar nicht anders als das auszudrücken, was sie empfinden. Da gebe es keine Hintergedanken. Wenn Benjamin sich freut, dann zeigt das sein ganzer Körper, wenn er jemanden mag, dann wird er in den Arm genommen“, erzählt Gisela Gritzan.
Seine Firmung fand Benjamin toll, und er war stolz. Mit schwarzem Anzug, Hemd und Krawatte war er mitten drin in der Festgemeinde. So eine Situation hält Koch für wünschenswert. Kinder und Jugendliche mit Behinderung sollten ganz normal in ihrer Gemeinde die Sakramente mitfeiern können. Leider hört er oft genug, dass den Familien gesagt wird, man sei nicht in der Lage jemanden mit Behinderung vorzubereiten. An diesem Punkt wird Koch deutlich: „Behindert sind wir doch alle. Jeder ist in irgendeiner Weise eingeschränkt. Jeder will akzeptiert werden, so wie er ist.“
Es gebe keine Behinderung, die jemanden aus dem Glaubensleben ausschließen könne. Jeder brauche das Vertrauen, dass da jemand für ihn da ist. Jeder Mensch brauche die Gewissheit, geliebt zu sein. Da spiele Jesus eine wichtige Rolle. Der Mensch gewordene Gott ist anschaulich. Er hat Geschichten mit den Menschen erlebt.
Eigenes religionspädagogisches Material sei unnötig, meint Koch: „Ich nutze dafür Medien, wie es der Entwicklung meiner Schüler entspricht“, etwa Bilder des niederländischen Malers Kees de Kort. Oder er lässt nach der sogenannten Kett-Methode Geschichten nachlegen mit Tüchern oder Naturmaterialien; auch mit biblischen Figuren arbeitet der Diakon gerne. Vielleicht brauche er mehr Zeit als andere Katecheten, auch müsse mehr wiederholt werden. Vor allem versucht Koch, den Glauben über die Sinne zu vermitteln. „Selbst eine junge Frau, die schwerstbehindert ist, strahlt, wenn sie das Lied ‚Halte zu mir guter Gott’ hört, nimmt wahr, wenn ich ihr den Arm streichle. In den Augen ist das abzulesen,“ verdeutlicht Koch sein Anliegen. Die Symbolsprache des Glaubens, so vermuten Benjamins Eltern, wird ihr Sohn begriffen haben. „Was genau in seinem Kopf vorgeht, wenn es um den Glauben geht, das wissen wir nicht, aber jeder Mensch, auch wir Gesunden, haben doch unsere eigene Auffassungen, wenn es um den Glauben geht. Er auch.“ erklärt Gisela Gritzan.
Wenn man der Frage nachgeht, wie die Glaubenswelt von Menschen mit geistiger Behinderung aussieht, dann geht es an den Kern der Gottesbotschaft. Das, was über Gott verkündet wird, muss für den Menschen mit allen Sinnen erlebbar sein. „Ich begrüße jeden vor der Kirche. Es ist ein Zeichen für: Ich warte auf dich. Ich mag dich“, erklärt Diakon Koch das Anfangsritual der Gottesdienste. Und er fügt hinzu: „Das tut auch mir gut.“Ulla Evers







