Aktuelle Ausgabe
2012-20

Rio de Janeiros Katastrophengebiet nach der Flut

Tödliches Wasser aus den Bergen

Im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro sind in der Nacht vom 11. auf den 12. Januar bei einem verheerenden Unwetter mehr als 850 Menschen ums Leben gekommen. Ganze Stadtteile verschwanden unter Schlamm- und Gerölllawinen, dutzende Familien wurden ausgelöscht. Noch Wochen später bietet die Region ein Bild der Verwüstung – doch die Menschen beginnen mit dem Neuanfang. 

von Thomas Milz (KNA) 

Für Briefträger Jorge Luiz ist es der schwierigste Arbeitstag seines Lebens. Zwei Wochen nach den verheerenden Überschwemmungen in der Bergregion nördlich von Rio de Janeiro trägt er heute zum ersten Mal wieder die Post aus. Nahezu sämtliche Brücken im Vale da Boa Esperanca, dem „Tal der Guten Hoffnung“ in den Außenbezirken der Stadt Itaipava, wurden von der Schlamm- und Gerölllawine zerstört. So balanciert er über einen behelfsmäßig über den Bach Santo Antonio gelegten Baumstamm, um auf die andere Seite zu kommen. 

Dort erwartet ihn bereits
Luiz Otavio, der Pförtner eines am Ufer gelegenen Wohnkomplexes. Gemeinsam gehen sie die Post durch, sortieren sie nach existierenden und nicht mehr existierenden Adressen. „Seit 15 Jahren arbeite ich hier, kenne alle Bewohner persönlich“, so der Briefträger. Die Hälfte der Post nimmt er schließlich unverrichteter Dinge wieder mit zurück auf die andere Seite. 

Pförtner Luiz Otavio hatte in der Nacht des 11. Januar Dienst. Seit Mitternacht hatte es heftig geregnet, und gegen 4.10 Uhr fiel der Strom aus, während der kleine Bach in der Mitte des Tales bedrohlich schnell anschwoll. Um 4.45 Uhr raste die Gerölllawine durch das Tal. „Es war stockfinster, doch die Nacht war voller Schreie, Menschen die in den Fluten trieben und um Hilfe flehten“, berichtet der Pförtner. Als der Morgen graute, wurde das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Die meisten Häuser hatte die Flut mit sich gerissen. 

Auf seiner Runde fährt der Briefträger weiter talaufwärts. Er hat Post für den 67-jährigen Rentner Lair Carreiro de Carvalho. Dieser ist gerade dabei, seinen mit Schlamm vollgelaufenen Pool auszugraben. Lair hat Glück gehabt. Seine Familie hat überlebt. Mit seiner Frau hatte er sich auf eine Matratze geflüchtet, die vom Wasser bis an die Zimmerdecke gehoben wurde. Die Familie seines Sohnes, die im Nachbarhaus lebte, hatte sich derweil auf das Dach gerettet. Als dieses einstürzte, konnte Lair seinen siebenjährigen Enkel Artur Ribeiro de Carvalho im letzten Moment retten. Gerne zeigt der Junge Besuchern jetzt die Überreste seines Kinderzimmers, von dem nur noch Trümmer übrig sind.

In jener Nacht entschieden Bruchteile von Sekunden über Tod oder Leben. Mindestens 850 Menschen hatten jene kostbare Zeit nicht mehr gehabt. Sie ruhen nun auf improvisierten Friedhöfen, oft nur mit einer Nummer statt eines Grabsteins. Über 500 Menschen werden noch vermisst. Alleine in dem kleinen Dorf Cuiaba sind es 18. Hier geht das Tal der Guten Hoffnung in zwei Nebentäler über. Der Ort wurde in jener Nacht zur tödlichen Falle für seine Bewohner. Aus beiden Tälern schossen Wassermassen hinab, die Baumstämme, Erdmassen und mächtige Felsen mit sich brachten. Wo einst 30 Häuser standen, liegt jetzt eine vier Meter dicke Schlammschicht. 

Adalberto Cabral Motta ist auf der Suche nach Erinnerungsstücken seines Elternhauses. Hier ist er aufgewachsen, seiner Familie gehörte einst der ganze Ort. Die Familie hatte sich an jenem Tag versammelt, das Haus war voller Menschen. Kurzfristig entschied sich Adalberto, mit seiner Tochter in seinem eigenen, wenige Kilometer entfernten Haus zu übernachten. Als der Regen kam, rief er besorgt die Mutter an. So wurde er Zeuge ihrer letzten Sekunden, hörte das Entsetzen am anderen Ende der Leitung, bis diese schließlich verstummte. „Hier, wo wir jetzt stehen, verlief einst die Straße des Dorfes, die nach meiner Oma benannt war“, erklärt er unter Tränen. Nur noch die Erinnerung ist geblieben. 

In Itaipava kamen etwa 60 Menschen ums Leben. In dem schicken Urlaubsstädtchen Teresopolis, gut 30 Kilometer weiter östlich, waren es über 400. Hier wälzten sich die Gerölllawinen gut sechs Kilometer talwärts. Von der Siedlung Campo Grande, in der hauptsächlich arme Menschen in behelfsmäßig errichteten Häusern lebten, ist nichts mehr übriggeblieben. Bereits Tage vor der Katastrophe hatte es geregnet, der Boden konnte kein Wasser mehr aufnehmen. Ein bis zwei Meter ist das Erdreich hier tief, dann stößt man auf Felsen. Unter dem zwei Stunden dauernden Platzregen gab die Erde schließlich nach.

Das Bild der Zerstörung zieht sich durch die gesamte Region. Entlang der Bergstraße, die Teresopolis mit dem 65 Kilometer entfernten Nova Friburgo verbindet, sind viele kleine Ansiedlungen in jener Nacht ausradiert worden. Am schlimmsten hat es Nova Friburgo selbst getroffen. Bis in die Innenstadt hinein zieht sich die Schneise der Verwüstungen. Die Rückkehr zur Normalität ist hier besonders schwierig, das Grauen an jeder Straßenecke greifbar. Die Menschen tragen Atemmasken, wegen des Staubes und aus Angst vor um sich greifenden Krankheiten wie Leptospirose, an der bereits die ersten erkrankt sind. 

Mitten in der Stadt starten und landen Hubschrauber der brasilianischen Marine von zwei Fußballfeldern aus, um in die isolierten Bergdörfer vorzudringen. Auf einer riesigen Tafel hat man 36 Orte aufgelistet, die angeflogen werden. Nach 14 Vermissten sucht man alleine dort, doch es könnten noch viel mehr sein. Die Menschen glauben nicht an die offizielle Todesstatistik der Regierung. Alleine in Campo Grande, einem Stadtteil von Teresopolis, habe es 700 Häuser gegeben, Tausende Menschen könnten zu Tode gekommen sein, vermutet man. Doch es gibt keinerlei Statistiken über die genaue Einwohnerzahl. 

Die Überlebenden warten in Schulen und Gemeindehäusern auf ihre Zukunft. Insgesamt sollen es über 20000 Obdachlose sein; Menschen, die alles verloren haben. 8000 Wohnungen will die Regierung in den nächsten Monaten für sie bauen; bis dahin ist man auf die fremde Hilfsbereitschaft angewiesen. Und dabei ruht die Hoffnung der Menschen vor allem auf der Kirche. „Die Kirchen machen derzeit die Arbeit der Politiker mit. Die christliche Solidarität ist einfach viel größer als die Kraft der Regierenden“, meint Pfarrer Alan Rodrigues aus Teresopolis, der Gläubige aus seiner zerstörten Gemeinde in den Aufnahmelagern der katholischen Kirche betreut. „Und dabei gibt es keine Unterschiede mehr zwischen den einzelnen Glaubensrichtungen, den Katholiken, Protestanten und Pfingstkirchlern.“ Die Gläubigen seien durch dieses Unglück vereint worden, und „das ist das Positive an diesem Ereignis“. 

Die Katastrophe habe zudem gezeigt, wie solidarisch die Menschen hier seien, lobte Präsidentin Dilma Rousseff die Anwohner. Und versprach Regierungsgelder, um die Gefahrengebiete endlich zu erfassen. Denn bisher gibt es keinerlei Bebauungspläne, keine Gefahrenanalysen. Ungeordnet ziehen sich ganze Stadtviertel über die steilen Berge. In ihnen herrscht seit jener Nacht Angst.

Dieses Mal ist man noch davongekommen. Beim nächsten Mal könnte es aber anders enden.


24.05.2012
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