Olympiapfarrer Hans-Gerd Schütt über seine Seelsorgeaufgaben in Peking
„Sportler schätzen Diskretion“
In wenigen Tagen ist es soweit: Dann werden mehr als 450 deutsche Sportler bei den Olympischen Spielen in China um Medaillen kämpfen. Auch Olympiapfarrer Hans-Gerd Schütt reist nach Peking. Welche Aufgaben ihn dort als Seelsorger für die deutsche Mannschaft erwarten, schildert der 50-Jährige im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Der Sportbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz äußert sich auch zur heiklen Frage nach den Menschenrechten in China.
DOM: Pfarrer Schütt, wie wird Ihre Arbeit in Peking aussehen?
Schütt: Der Tag beginnt mit der Teilnahme an den Mannschaftsbesprechungen. Dort erfahren wir – der evangelische Sportpfarrer Thomas Weber und ich – welche Trainings geplant sind, ob jemand krank ist oder Hilfe im Gespräch braucht. Danach suchen wir den Kontakt zu Sportlern beim Training, weil sie dort noch die meiste Zeit haben.
DOM: Wie nehmen Sie Kontakt auf?
Schütt: Wir gehen auf die Sportler zu und suchen das Gespräch. Zur Begrüßung erhält das Team und das Jugendlager auch unsere Olympiabroschüre „Mittendrin“ mit Meditationen und Gebeten zum Sport. Außerdem gibt es in jedem Olympischen Dorf ein religiöses Zentrum, auch in Peking. Dort hat jede Weltreligion ihren Raum, und wir können Gottesdienste feiern. Geplant ist auch wieder eine ökumenische Sportlerandacht im Deutschen Haus.
DOM: Worüber sprechen Sie mit den Athleten?
Schütt: Viele sind zunächst überrascht, einen Pfarrer zu treffen, und stellen Fragen über unsere Aufgabe. Somit werden wir als Exoten angesehen, auch weil viele Sportler nicht mehr kirchlich gebunden sind. Als Seelsorger sind wir aber für alle da. Unsere Arbeit lebt von der Diskretion. Das wird sehr geschätzt. So geht es in den Gesprächen um Freundschaft, Familie und Partnerschaft, Glaubensfragen, Heimweh oder Leistungsdruck.
DOM: Waren Sie schon Beichtvater in Dopingfällen?
Schütt: Doping wurde lange kaum angesprochen – weder bei Pfarrern noch bei den Dopingbeauftragten des Olympischen Sportbundes. Die Sportler befürchten, dass dies strafrechtliche Konsequenzen haben könnte. Das wird derzeit aber geklärt. Wir Pfarrer spüren in Gesprächen auch, wie schwer es ist, der Dopingversuchung zu widerstehen. Sie wird meist vom Umfeld an die jungen Sportler herangetragen.
DOM: Reisen Sie wegen der Tibet- und Menschenrechts-Frage mit anderen Gefühlen nach Peking als nach Athen?
Schütt: Nach den jüngsten Ereignissen reise ich mit anderen Gefühlen. Wir werden in einem Land zu Gast sein, wo vieles noch nicht unseren Standards entspricht und manches im Argen liegt. Umso neugieriger bin ich zu sehen, wie China sich präsentieren wird und wie die Lage vor Ort ist. Wir müssen dringend den Dialog über Mindeststandards führen, etwa über eine unabhängige Justiz und fairen Umgang mit Minderheiten wie in Tibet. Ein Boykott der Spiele wäre aber kontraproduktiv.
DOM: Sollten die Sportler solche Fragen thematisieren?
Schütt: Wenn man die olympische Idee ernst nimmt, geht es nicht nur um Wettkampf, sondern auch um den kulturellen Austausch, den Friedensgedanken und das Völkerverbindende. Das ist angesichts von mehr als 200 Nationen nicht leicht zu verwirklichen. Daher gibt es Spielregeln wie das Verbot politischer Propaganda oder Demonstrationen an den olympischen Sportstätten. Ich rate unseren Sportlern stets, sich daran zu halten. Wer seine Meinung etwa zu Menschenrechten äußern will, sollte das ruhig tun – aber bei Pressekonferenzen im Deutschen Haus oder in der Mixed Zone. Ich empfehle außerdem, sich gut über die chinesische Kultur und Geschichte zu informieren, um keine unbedachten Äußerungen zu tun.
DOM: Sie reisen als Sportlerseelsorger nach Peking. Suchen Sie auch Kontakt zu chinesischen Christen?
Schütt: Wir wollen auf jeden Fall in katholische und evangelische Gemeinden gehen. Geplant ist ein deutschsprachiger Gottesdienst in der Nordkirche von Peking. Außerdem will ich die deutsche Gemeinde in Shanghai besuchen. Die Christen in China sind immer noch eine kleine Minderheit. Insgesamt hat sich die Lage der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten dort aber verbessert. Außerdem sind hohe Wachstumsraten bei den Mitgliederzahlen zu verzeichnen. 1949 gab es in China 3,2 Millionen Katholiken und 700000 Protestanten. Heute sind es zwischen 12 und 14 Millionen Katholiken und zwischen 25 und 50 Millionen Protestanten.
Interview: Viola van Melis (KNA)







